Eine kleine Erzählung

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27.07.2018:

Du weißt Du bist eine Hure, wenn Du Dir von 9.15 Uhr bis 10.10 Uhr vom ersten „Kunden“ des Tages, der deutliche Schlagseite und eine so feuchte Aussprache hat, dass Du regelmäßig einen Schritt zurück machst und in seiner Anwesenheit anfängst die Theke abzuwischen,

– erzählen lässt, dass er im Import/Export beschäftigt ist und aktuell in einer Pension wohnt, weil es ihm mit der Baustelle in Elmshausen zu umständlich ist, täglich von irgendwo hinter Elmshausen runter zu fahren und dass er darum einen CD-Player braucht, um sich die Pensionswohnung gemütlich zu machen, er aber auch die Miete dort zahlen mus, das aber alles kein Problem ist, weil er ist ja im Import/Export aktiv.

– Dir Videos, wie er eigentlich wohnt, anschaust (die neue Dimension von zutexten, quasi zutexten 2.0, ist Handyvideos zeigen) und hinterher weißt, dass er ein Schnuffeltuch wie Linus hat.

Das Schnuffeltuch wurde natürlich genau wie zwei leere Desperado-Flaschen („Kennst Du das, das hat nur 3,3%, oh, upps, da steht ja 5,9, aber das schmeckt halt total frisch“) und ein Babylätzchen, in dem er, wenn ich nichts gesagt hätte, aus dem Laden rausgelaufen wäre, vorgezeigt.

Die restlichen 30 Minuten sind überwiegend in einer Hirnblutung verloren gegangen, aber am Ende hab ich immerhin 59 Euro eingenommen

Ja, ich bin eine Hure, aber ich rede mir ein, dass das meine gute Erziehung ist, dass ich zu jedem einfach erst mal freundlich bin.

 

03.08.2018:

Heute kam besagter Kunde dann seine Bestellungen abholen. Bekleidet in bunten Stoffhosen, SV Darmstadt-Trikot und darüber eine gelbe Warnweste, das Gesicht wieder hocherrötet, die Aussprache wieder feucht.

„Und jetzt geh ich uff die Sparkass‘ und schließ e Reschtsschutzversischerung ab unn dann zeig ich die Polizei o wegen unnerlassener Hilfeleistung.“

„Nun, ich glaube nicht, dass eine Rechtsschutzversicherung zurückliegende Fälle zahlt“

„Ah nää, ich zeig die doch dann erscht o.“ kurze Pause „Des glabscht Du doch ned“ wieder eine Pause

Aber die jahrelange Berufserfahrung, dieses Stahlbad in Kommunikation mit Bekloppten, hat mich gelehrt, hier einfach jede Bemerkung zu vermeiden, die als Anlass die ganze Geschichte zu erzählen aufgefasst werden könnte. So abgefahren und unterhaltsam die auch sein könnte, die kostet Dich vorneweg 45 Minuten Diener Lebenszeit und hinterher muss ich in dem Fall auch wieder die ganze Theke abwischen und nicht nur die oberste CD von dem Stapel, den ich gerade noch schnell weggeräumt habe, bevor sich die erste kleinere Ladung aus Speichel und Schweiß darüber ergießen konnte.

Und de stillen Gebete, die ich statt einer Nachfrage innerlich aufsage, werden heute ausnahmsweise erhört, er erzählt die Geschichte nicht ungefragt, sondern geht mit

„Die sinn doch selber besoffe“ (ja es würde mich wirklich reizen, die Geschichte zu erfahren, aber nein, Lebenszeit ist so wertvoll, wenn man 50 ist).

und

„Ich hätte denne noch saache solle, dass isch e Handgranad gfunne habb“ Pause „Besser ich nemm se und schmeiß se denne in de Lade“

und im Gehen (Ich jubiliere innerlich)

„Des glaabscht doch ned“

 

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