Internetkäufer

Standard
Diese Artikel habe ich im Oktober 2016 begonnen und dann vergessen, darum stimmen einige Zeitangaben aus heutiger Sicht nicht mehr.

Ich betreibe das Geschäft ja inzwischen 24 Jahre und davon handle ich seit 11 Jahren auch im Internet. Das ist heute notwendig, um ein Geschäft in einer Stadt wie Bensheim am Leben zu halten, denn bei aller Liebe zu meiner Ladenkundschaft, sie kauft einfach nicht alles, was ich ihr gerne verkaufen würde und wenn Kunden es in Einzelfällen doch tun, dann haben sie die CD oder LP halt und ich behaupte nicht umsonst gerne, dass meine Kundschaft besonders intelligent ist, was aber eben auch den Nachteil hat, dass ich bisher keinen Kunden überzeugen konnte, CDs doppelt zu kaufen, für den Fall, dass mal eine kaputt geht. Gut, es gibt einen Kunden, der bisweilen CDs doppelt kauft, um auch eine für die Ausflüge auf seiner Yacht parat zu haben. Wenn er sie nicht bei mir kaufen würde, würde ich ihn wohl dekadent schimpfen, aber wer bin ich über ihn zu urteilen?

Ja, natürlich habe ich versucht, Kunden CDs ein zweites Mal zu verkaufen, aber auch mit meinem Charme konnte ich da niemanden überzeugen, also müssen gute CDs, die meine Kunden schon haben und schlechte, die sie nicht haben wollen, im Internet verkauft werden.

Und wer meine Schreiberei schon länger verfolgt, weiß, das auch Internetkunden  immer mal für den einen oder anderen Lacher oder ungläubigen Kopfschüttler gut sind. Und diese lose Aneinanderereihung abstruser Anfragen und Beschwerden, kann ich danke einer Mail von einer Kundin Monika X aus F. heute fortsetzen.

Dazu muss ich erstmal erwähnen, dass, obwohl ich einige wirklich sehr nette Ladenkundinnen mit dem Namen Monika habe, dieser Name seit meiner Schulzeit negativ belegt ist; unter einer Monika stelle ich mir eine behäbige, dicke Matrone vor, deren IQ nur selten die Tagestemperatur überschreitet. Dieses bizarre Vorurteil wurde unlängst durch die „natürliche Person“ (eigene Bezeichnung) „Monika aus der Familie Unger“, eine Art Reichsbürgerin aus Österreich, Präsidentin des „Staatenbundes Österreich“ und, sagen wir es freundlich, eine Person mit recht eigenem Intellekt (Siehe ihre zahlreichen You-Tube-Videos), bestätigt.

Und so ahnte ich schon nichts Gutes, als ich heute eine Mail mit dem Betreff „CD-Qualität“ von Monika X, die kürzlich 4 CDs (Hitzusammenstellungen von Donna Summer, Dolly Parton, Boney M. und Smokie) erhielt. Aber was kann sie denn zu meckern haben, dachte ich noch, da alle CDs bereits zigfach verkauft wurden und nie Reklamationen kamen. Nun denn;

Hallo Dominik Engel,

ich habe heute folgende CDs erhalten

1 x 191749103257 3 CD (NEU!) . Best of DOLLY PARTON (Jolene 9 to 5
Islands in the Stream 55 Titel
1 x 191355710734 CD (NEU!) . Magic of BONEY M (Best of / Daddy Cool Ma
Baker Sunny Rasputin
1 x 201000308329 2 CD (NEU!) . Best of DONNA SUMMER (Hot Stuff She works
hard for the money
1 x 201204414132 CD . SMOKIE – Best of (NEU! Chris Norman Suzy Quatro
Stumblin‘ in Alice

Dolly Parton und Smokie sind einigermaßen ok, ich muss allerdings auf
sehr laut stellen. Boney M hört sich sehr flach und dadurch langweilig
an. Donna Summer klingt so dünn, dass ich das kaum als ihre Stimme
erkennen kann.
Schade !

Verpackung und Lieferung waren einwandfrei.

Da ich keine Lust zu einer Rücksendung habe, ist die Angelegenheit damit
für mich erledigt.

Allerdings werde ich wahrscheinlich nichts mehr bei der Musikgarage
bestellen.

Freundliche Grüße

Monika X

Ja, da sitzt man als Händler erst einmal da, schluckt besonders bei dem letzten Satz und fragt sich, wie reagiere ich denn darauf? Es kann ja wirklich mal vorkommen, dass eine einzelne CD defekt ist. Das ist in Deutschland extrem selten, weil die Qualität sehr gut kontrolliert wird, aber es kommt vor. Dass aber gleich vier verschiedene CDs, die bisher von mehr als Hundert Kunden anstandslos gekauft wurden, allesamt auf einmal schlecht klingen sollen, das will mir doch nicht in den Kopf. Aber nun ja, ich lege einfach mal speziell die Donna Summer-CD ein, eine Doppel-CD, digital remastered zum Verkaufspreis von 9,49, aber keine Ramschpressung – Billigpressungen, wie man sie in Kaufhaus Ramschkörben findet, verkaufe ich generell nicht –  sondern hochoffizielle Ware von Universal. Wie nicht anders zu erwarten, klingt die einwandfrei, es sei denn man schaltet einen Kanal aus (egal ob den rechten oder den linken), dann klingt die Stimme wirklich dünn.

Aufmerksame Leser sehen schon, ich bin wirklich bemüht, zu ergründen, was Monika für ein Problem hat und drehe darum den Balanceregler am Verstärker abwechselnd in beide Extrempositionen. Und ja, ich denke, dass das Monikas Problem ist; entweder ist ihre Anlage schlicht Scheiße oder sie hat was an den Ohren und merkt nicht, dass ein Kanal ihrer Anlage ausgefallen ist. Und irgendwie sehe ich in Gedanken wieder eine dicke Hausfrau von sehr mittelmäßiger Intelligenz vor einem Uralt-Küchenradio mit integriertem CD-Player vor mir, die mit dem Wischmob zu „She works hard for the Money“ von Donna Summer rhythmisch die Küche durchwischt.

Das Intelligenzvorurteil sehe ich sowieso schon bestätigt, denn der Schlussatz der Mail unterstellt ja, dass speziell die Exemplare der CDs, die ich, die Musikgarage verkaufe, besonders schlecht sind, weshalb Sie (Gott sei es aber auch gedankt!) nicht mehr bei mir einkaufen will.

Damit stellt sich aber jetzt noch die Frage; wie reagieren?! Ich neige wie immer zuerst einmal zu Zynismus

Hallo Frau X,

ich bedauere sehr, dass die bei mir gekauften Produkte nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Sie haben natürlich Recht, für 8,99 Euro (3-CD Dolly Parton) bzw 9,49 Euro (Do-CD Donna Summer) und auch für 7,99 Euro (Smokie-CD) hätten wir selbstverständlich Bernie Grundmann, einen der aktuellen Remastering Päpste bemühen könne, diese Aufnahmen zu überarbeiten, denn selbstredend erwarten Sie zu Recht, dass diese CDs auf ihrer High-End-Kompaktanlage klingen, als stünden die Musiker genau vor Ihnen, also natürlich nicht direkt auf ihrem Küchenradio, denn diese Dinger sind ja heutzutage so klein, da passt nicht mal ein Musiker drauf, sondern eben vor Ihnen in der Küche, wo sie diese Topanlage wohl aufgebaut haben.

Ich bedauere, dass ich dies versäumt habe. Darum kaufen Sie zukünftig wirklich besser beim Media Markt, dort beschäftigt man für die Herstellung solcher CDs kompetente Leute, also richtige Koryphäen, und dann klingen die gleichen CDs viel besser.

mfG
Dominik Engel

Das wäre meine spontane Eingebung gewesen. Aber ich habe mir über die Jahre abgewöhnt spontan solche Antworten abzusenden. Und nach etwas Überlegung denke ich auch, dass Monika X die Ironie eventuell gar nicht bemerken könnte und dieses Schreiben in Anbetracht ihrer blödsinnigen Annahme, dass der angeblich schlechte Sound mein Verschulden sei, auch noch Ernst nimmt. Etwas eindeutiger wäre natürlich

Hallo Frau X,

verdammt nochmal, klopfen Sie halt einfach mal auf ihr altes Küchenradio (aber nicht während die CD läuft, die zerkratzt sonst!), dann springt zweite Lautsprecher vielleicht wieder an und die Musik klingt wie sie soll!

mfG
Dominik Engel

Aber auch wenn diese Mitteilung vielleicht einen Nachdenkeffekt mit sich bringen würde, sie ist zu offensiv, das mögen die Leute nicht. Irgendwo zwischen drin läge wohl

Hallo Frau X,

ich bedauere, dass sie mit den bei mir gekauften Produkten nicht zufrieden sind. Leider kann ich nicht beurteilen, welchen Klangqualitäten Sie gewöhnt sind, aber diese CDs wurden bisher mit Ausnahme der Boney M.-CD allesamt Dutzende Male verkauft ohne dass Beanstandungen kamen. Natürlich ist es möglich, dass Sie zu Hause nur feinstes High-End Equipment stehen haben und Ihre Ohren noch so jung sind, dass Sie feinste Nuancen vernehmen können, aber ganz ehrlich, dürfen Sie bei einer Doppel-CD zu 9,49 Euro wirklich edelstes Remastering erwarten? Und vor allem glauben Sie denn wirklich, dass dies auch noch in meiner Verantwortung liegt?

mfG
Dominik Engel

Hier käme aber wohl die Botschaft, dass die CDs sicherlich einwandfrei sind, wohl nicht ausreichend klar rüber. Zumindest nicht bei einer Monika X, wie ich sie mir vorstelle.

Es gibt natürlich auch die heute unter Händlern leider sehr weit verbreitete, untertänige Variante

Sehr geehrte Frau X,

ich bedauere zutiefst, dass Sie mit den von mir gelieferten Produkten nicht zufrieden sind. Diesen Zustand kann und möchte ich nicht ertragen, bitte schicken Sie mir die CDs zurück, ich erstatte Ihnen selbstverständlich die Kosten inkl Rückversand und würde mich freuen, Ihnen einen Gutschein im Wert von 15 Euro für meinen Shop als Entschädigung für die ihnen entstandene Enttäuschung zukommen zu lassen, in der Hoffnung, dass Sie mir großzügig die Chance gewähren, den entstandenen negativen Eindruck bei einem weiteren Einkauf korrigieren zu können.

mit unglücklichen Grüßen
Dominik Engel

O.K., das ist jetzt ein bisschen arg dick aufgetragen, aber es gibt natürlich Shops, die zumindest annähernd so reagieren würden. Und natürlich gibt es auch Kunden, die genau solche Unterwürfigkeit erwarten.

Aber daran krankt ein Teil unserer Gesellschaft! Diese völlig unangebrachte Unterwürfigkeit von Händlern und Verkäufern hat eine Kundschaft von verwöhnten und selbstgefälligen Paschas herangezogen, die völlig unkritisch gegenüber sich selbst und ihren eigenen Gerätschaften sind – das Zitat „an meiner Anlage kann es nicht liegen, die ist fast neu“  ist ein Standard – und glauben, dass Verkäufer nurmehr ihre Domestiken sind. Monika X zähle ich da mit ihrem Schrieben noch nicht einmal dazu, die ist nur sehr mittelmäßig intelligent – sorry, aber anzunehmen, dass die angeblich schlechte Qualität der CDs das Verschulden des Verkäufers sei, ist schon etwas Panne – aber nicht wirklich unfreundlich. Es gibt wesentlich unfreundlichere Mails, die ich mir quasi wöchentlich durchlesen muss.

Aber letztlich ist so ein Schreiben wie der letzte Entwurf für mich völlig undenkbar, ich habe mir  in 24 Jahren Geschäftstätigkeit ein Minimum an Diplomatie zugelegt, aber mich richtig zu verbiegen, habe ich immer noch nicht gelernt. Will ich auch nicht. Man muss im Umgang mit Kunden wie bei Kinder und eigentlich überall im Leben, seine Grenzen setzen, denn Grenzlinien die man aufgegeben hat, sind schwer zurück zu erobern.

Natürlich muss man auch keine unnötigen Konflikte provozieren, das mache ich zwar insgesamt viel zu häufig, wobei ich mich häufig von der Überlegung „Es muss einfach raus, sonst frisst es mich auf“ leiten lasse, aber in diesem Fall habe ich letztlich einfach gar nichts geschrieben, allein um mir nicht auch noch ein paar unnötige negative Bewertungen einzufangen. Der Versuchung, der Dame im normalen Ton zu erläutern, dass höchstwahrscheinlich irgendwas an ihrer Anlage nicht stimme wird, konnte ich auch widerstehen, zu oft habe ich als Reaktion auf freundliche Ratschlägen unnötige Eskalationen erlebt, ja genau „an meiner Anlage kann es nicht liegen, die ist fast neu“.

Wie schon erwähnt, ein bisschen Diplomatie habe ich über die Jahre doch gelernt, das heißt manchmal einfach gar nicht antworten und einen Blog verfassen. Denn manchmal muss es einfach raus, sonst frisst es mich auf!

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