Depp des Tages (17.10.2017)

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Der ältere Herr kommt kurz vor Mittag rein, grüßt, schaut kurz in eines der CD-Regale und sagt „Oh je!“.

Ich schaue vom Computer auf und denke mir „Was ist das denn jetzt für einer?!“ versuche aber die Sache erst einmal zu entschärfen, indem ich wirklich freundlich frage „Was ist denn so ‚Oh je‘?“

Er kommt zur Theke und fragt „Haben Sie denn auch klassische Musik?“ und ich antworte „Ja klar!“. Ich ziehe dabei auch ein wenig die Augenbrauen und die Schultern hoch und deute damit an, dass das ja wohl das allerselbstverständlichste auf Erden sei und ich es geradezu für abwegig halte, überhaupt danach zu fragen, was es natürlich eigentlich nicht ist, aber das sind so Gesten, die gewöhnt man sich an, wenn man wie ich so ein Geschäft fast 25 Jahre führt. Man wird ein wenig zu einem Schauspieler und Blender. Und den meisten Leuten sind ihre Zweifel dann auch sogleich peinlich, so auch dem Herrn, der dann erzählt „Ich hab da gestern was im Radio gehört und zwar die italienische Sinfonie von Mozart! Haben Sie die da?“

Nun muss ich vorausschicken, ich bin natürlich in klassischer Musik kein wirklicher Experte, sondern nur durchschnittlich informiert, aber das reicht für 90% der Klassik-Kunden auch völlig aus, weil die noch viel weniger Ahnung davon haben als ich, sich aber einbilden, wenn sie die Namen Karajan, Mutter, Mozart, Bach, Netrebko und Beethoven fehlerfrei aussprechen oder sogar buchstabieren können, verstünden sie schon was vom Thema. Und natürlich bemühe ich mich, eine halbwegs repräsentative Auswahl an Klassik-CDs vorzuhalten, darunter auch einiges von Mozart, also stehe ich auf, gehe zum Klassikfach und sage, obwohl ich noch nie was von Mozarts italienischer Sinfonie gehört habe, „Nun, es wäre ein Zufall, aber ich schau mal!“.

Ich finde sie nicht und meine „Nein, sorry, die ist nicht da!“ während ich an ihm vorbei wieder hinter meine Theke gehe. Zu meiner Überraschung fragt er „Können Sie die bestellen?“, also begebe ich mich in die Suchmaske meiner Datenbank und stelle fest, dass ich die italienische Sinfonie von Mozart nicht finde. Ich erkläre dem Kunden vorsichtig „Ich finde da nichts, sind sie sicher, dass sie das richtig verstanden haben?“ und er bekräftigt das noch einmal. Jetzt hat der Kunde das im Radio gehört und ich nur wenig Ahnung von Mozart und der ja auch verdammt viel komponiert (u.a. zahlreichen Sinfonien), also will ich ihm das trotz aufkeimender Zweifel nochmal glauben und versuche zu googeln, welches die italienische Sinfonie von Mozart ist. Es ist leider fast schon „natürlich“ zu nennend, dass ich mit den Suchbegriffen „Mozart italienische Sinfonie“ nichts brauchbares finde, dafür aber auf die italienische Sinfonie von Mendelssohn stosse.

Ich erkläre ihm immer noch freundlich – denn schließlich passiert es öfter, dass ältere Menschen im Radio etwas falsch verstehen – „Ja tut mir leid, ich finde keine italienische Sinfonie von Mozart, aber eine von Mendelssohn, sind sie wirklich sicher, dass sie das nicht falsch verstanden haben?“,  worauf er entgegnet „Ja wissen Sie meine Tochter hat das auch schon gesagt und die ist vom Fach, die spielt in einem Orchester“

Ich sollte mich vielleicht freuen, dass die Kundschaft es auch nach 25 Jahren im Geschäft immer noch schafft, mich so zu überraschen, dass mir einfach nur die Kinnlade runterklappt. Und ihr kennt vielleicht auch dieses Gefühl, dass in Eurem Kopf eine Art Gedankenwirbelsturm losdreht, weil ihr zwar sicher seid, gehört zu haben, was ihr da gehört habt, es aber einfach nicht glauben wollt und dann versucht das Gehörte und die Gesetze der Logik in Einklang zu bringen und Eure Gedanken sich dann schnell beschleunigend in der Endlosschleife „Er kann das jetzt nicht wirklich gesagt haben““ – „Er hat das aber eben gesagt!“- „Das kann er doch aber jetzt nicht gesagt haben““ – „Er hat es aber definitiv gesagt!“ zu drehen beginnen.

Um diesen fast schon schockartigen Zustand  – immerhin wird mein normales Denken  durch diese Schleife ausgebremst, so dass ich einen kurzen Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlt, quasi wie unter Schock wohl nur blöde mit offenem Mund vor mich hin starre – zu beenden, frage ich nochmal in eher ungläubigem als sarkastischem Ton nach: „Sie haben also eine Tochter, die in einem Orchester spielt und die hat Ihnen schon gesagt, dass es keine italienische Sinfonie von Mozart gibt, aber eine von Mendelssohn und trotzdem kommen Sie jetzt noch hierher und behaupten stur und steif, dass sie die italienische Sinfonie von Mozart gehört hätten?“ Dass sein letzter Satz auch ein wenig impliziert, ich sei nicht vom Fach, fällt hier überraschend wenig ins Gewicht, zum einen, weil ich ja wirklich kein Klassik-Experte bin, zum anderen, weil es mich echt fertig macht, dass jemand eine Tochter hat, die in einem Orchester spielt und ihre Äußerung dann trotzdem nicht nachprüft, indem er sich mal die italienische Sinfonie von Mendelssohn anhört.

Er meint nur „Ich dachte, ich frag halt mal Sie!“ und während ich mich noch sammle fährt er fort „Jetzt muss ich erst mal zu Hause schauen, ob ich die nicht vielleicht zu Hause habe“.  Da drängt sich dann sofort zusätzlich der Gedanke auf, dass er sowieso nie was bestellen oder gar kaufen wollte, sondern nur ein Zeit- und Informationsdieb ist, darum fällt es mir leicht, ihm in eisigem Tonfall zu erklären „Und ich denke, dass das Schicksal mir gelegentlich so Deppen wie Sie schickt, damit ich die normale Kundschaft wieder richtig wert schätze!“

Die Erfahrung lehrt, dass solche Deppen wie dieser Herr wissen, dass ihre Aktion hinterfotzig und dumm war und darum i.A. gar keinen richtigen Anstoss an einer solchen Beleidigung nehmen. Und so ist es auch, er verabschiedet sich hurtig und zieht seiner Wege und ich hoffe, dass das der größte Depp für diesen Tag war und nehme mir vor, trotz meiner maximal durchschnittlichen Klassik-Kenntnisse beim durchschnittlichen Klassikkunden einfach wieder vorauszusetzen, dass der noch weniger Ahnung davon hat als ich.

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