Übersehene Musikperlen (I)

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Es wird mir ja gerne unterstellt, ich hätte einen ausgefallenen (es gibt auch weniger schmeichelhafte Worte dafür) Geschmack und ich bin ganz ehrlich, ich halte die Leute ungern davon ab, das zu denken, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann höre ich doch überwiegend Popmusik und nur so kann man einen Laden wie den meinen nun schon fast 25 Jahre führen, eben indem man auch ein Stück weit am Massengeschmack bleibt oder ihn zumindest versucht zu verstehen.

Aber zugegeben, das was heutzutage im Allgemeinen im Radio läuft und zumeist auch in den Charts hoch oben steht, ist eine abgeschmackte, gleichförmige Suppe, ja ich würde es sogar weitgehend als seelenlose musikalische Verbrechen bezeichnen, die ich nur schwerlich ertrage, weshalb ich eigentlich nur im Auto Radio höre.

Trotzdem gibt es Ausnahmen, vorgestern landete ich beim Zappen weg von was weiß ich für einer R’n’B Heulboje auf SWR 3 und dort lief eine Nummer, die ich definitiv nicht kannte und die mich mit ihrem entspannten 80er-Sound faszinierte. Westcoast Feeling, Snare-Backbeat, Synthiebläser, die Gitarre im Hintergrund erinnert zeitweise an die „Another Brick in the Wall Pt 2“ Begleitung, der Gesang ein wenig an Jon Anderson zu  Jon & Vangelis-Zeiten und ein wenig an Christopher Cross (und den mag ich nur sehr bedingt), weshalb ich annahm, dass das eine mir bisher unbekannte Aufnahme eines der beiden Acts sein müsse. Das leicht spacige Synthesizersolo und die (Synthie-?)Bläser sowie die leicht komplexe Dramatik des Arrangements (mit Pauken, leicht orchestralem Background und stellenweise mehrstimmigem Gesang) sprachen für Jon & Vangelis, das Westcoastfeeling für den Schmachter aus Texas. Kurz: zum ersten Mal seit Monaten nahm ich mir wieder vor, sobald ich zu Hause bin, unbedingt die Playlist nach einem Titel zu durchforsten.

Das konnte ich mir ersparen, weil der Moderator den Titel tatsächlich hinterher nochmal ansagte, zum einen, da ein Hörer die Aufnahme wohl seit Jahren suchte (die Geschichte wurde offensichtlich bereits vor der Nummer erzählt), aber hauptsächlich, weil wohl Dutzende Hörer nach der Nummer gefragt haben. Da wusste ich wieder, dass ich doch am Ende nur ein 70er / 80er Radiopophörer bin, denn die Nummer war bei aller Schwärmerei definitiv einfach nur besserer Radiopop, auch weil der Text insgesamt etwas banal ist!

Aber das Schöne ist, dass die Nummer – hier löse ich mal auf: Crosswinds mit „Flying Higher“ wirklich eine Rarität, die offensichtlich bisher auf keiner CD veröffentlicht wurde, ist. Die Band veröffentlichte zu Ihrer Zeit lediglich zwei Singles; „Flying Higher“ 1981 in Frankreich und Deutschland, die zweite „Livin'“ dann nur noch in Frankreich und, 1983 kam dann noch eine LP ebenfalls nur in Frankreich dazu, ansonsten findet man keine Veröffentlichungen der Band. Die beiden algerischen Musiker Ahmed Hattab (alias Yacine) und Abderrahmane Bachammar (alias Malik) hatten aber bereits zuvor als „Turkish Blend“ und als „Hush Brothers“ ihr Glück versucht. Insgesamt erfolglos wohl, aber laut ihrer etwas mäßig gepflegt wirkenden aber immerhin existierenden Homepage , die zudem noch auf Französisch geschrieben ist, war „Flying Higher“ sogar ein Hit, bevor die Band dann auseinanderging.

Die B-Seite der 7″, einen netten Mitgröhlrocker namens „Do me a favour“ (hier als zweiter Song zu hören) , der nicht weh tut, findet man noch im Netz, weitere Aufnahmen sind schwer zu finden, aber ich will ganz ehrlich sein, „Flying higher“ klingt für mich wie ein einmaliger großer Moment einer Band, definitiv nicht ganz so groß wie John Miles‘ „Music (was my first love)“, das mir trotz unzähliger wiedergekäuter Lobeshymnen und Wiederholungen immer noch nicht verleidet werden konnte und das ebenfalls weit über allem anderen, was der Mann veröffentlicht hat steht. Darum ende ich hier und bin noch gespannt, ob SWR3 die Publikumsresonanz aufgreift und das Ding zu einem kleinen regionalen Hit machen kann. Ob Radio noch diese Kraft – und in diesem Fall, in dem ja aktuell keine Veröffentlichung verkauft werden kann auch den Willen – hat?

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