Zeitverschwender (I)

Standard

Wenn man wie ich so einen Laden fast 25 Jahre führt, dann kennt man seine Pappenheimer. Besonders diese Typen, die draußen erst mal an dem Laden vorbeigehen und dann auf einmal doch reinkommen. Die gingen mir eigentlich immer schon in dem Moment auf den Sack, in dem sie vorbeigelaufen sind, aber ich wusste es zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht.

Und so einer kam gerade rein. Und obwohl er eigentlich der Typ sympathischer,  zurückhaltender Schluffi ist, spüre ich sofort dieses Verlangen, ihn gleich mit einem richtig böse und laut hingebellten „Kann ich was helfen“ anzugehen. Das ist wie ein antrainierter Reflex, aber wer wie ich so ein Geschäft in einer schwierigen Branche fast 25 Jahre betreibt, hat gelernt, diesen Reflex zu beherrschen, denn zum einen kommt es in etwa 0,001% der Fälle tatsächlich vor, dass so ein Kunde etwas kauft und zum anderen hat er ja eigentlich erst mal noch nichts falsches getan, außer dass er sich in eine schier endlose Zahl von Zeitverschwendern, die wie er erst an dem Laden vorbeigelaufen sind, um dann kehrt zu machen und trotzdem herein zu kommen, einzureihen droht. Die meisten schauen sich ja auch nur ein bisschen um und verschwinden dann wieder, sind also harmlos.

Dieser, geschätzt Anfang vierzig, nicht. Nachdem er ohne erkennbaren Plan links und rechts geschaut hat, sagt er

„Wow, ich war schon ewig nicht mehr in einem richtigen Plattenladen“

Vielleicht meint er, damit gleich das Eis zu brechen, worauf ich ihn jubelnd in meine Arme schließe, „Wirklich?“ rufe und ihm dann, während ich meinen Arm kumpelhaft über seine Schulter lege, mit den Worten „Ja, verdammt, komm her, ich will Dir alles zeigen!“ durch den Laden führe und ihm dabei warmherzig versichere, wie toll ich es finde, dass er sich noch an Plattenläden erinnert, obwohl er schon ewig in keinem mehr war.

Aber ich hasse diesen Satz, ich fühle mich halt absolut nicht wie eine museale Sehenswürdigkeit und möchte auch nicht wie eine Art Jahrmarktsattraktion behandelt werden. Und wenn ich einen Eurocent für jede Minute, die Dummbeutel, die solche und ähnliche Sprüche – besonders beliebt „Kann man davon denn noch leben?“ – hier abgelassen haben, mir mit ihrem Geschwätz gestohlen haben, bekäme, hätte ich deutlich mehr Geld, als all diese Dummbeutel zusammen hier gelassen haben und deshalb sinkt er in meiner Gunst nur weiter ab und ich antworte halbwegs trocken.

„Oh, Sie sind als Tourist hier?“

Mein ironischer Unterton war entweder zu leicht gewählt oder es stimmt einfach, dass Blödmänner Ironie einfach nicht verstehen, so lange man sie ihnen nicht erklärt, denn er spricht frohgemut weiter.

„Nein, ich wohne hier, aber das Geschäft gibt’s noch nicht lange, oder?“

Es ist noch zu früh am Morgen, um gleich richtig böse zu werden, der Tag kann immer noch besser werden, also gebe ich nur noch trockener

„Also hier in dem Laden bin ich jetzt seit etwa 16 Jahren!“

zurück. Das gibt ihm doch etwas zu denken und er meint nur.

„Oh!“

während ich mich wieder den Bestelleingängen der letzten Nacht in meinem Ebay-Shop widme. Er schaut ein bisschen durch die Regale und entdeckt die Kraftwerk-CDs, worauf er glaubt, wieder das Gespräch mit mir suchen zu müssen

„Welche Kraftwerk-Platte ist eigentlich die meistverkaufte?“

Es fällt mir wirklich schwer, eine solche Frage höflich zu beantworten, weil sie richtiggehend danach riecht, dass der Typ absolut nichts kaufen will, ihm aber an Small-Talk gelegen ist und er kann es ja nicht wissen, aber Small-Talk ist gar nicht meine Stärke, wenn ich nicht bereits drei, besser vier Tequila oder Vergleichbares intus habe und das, so hart das zu glauben sein mag, passiert im Jahr höchsten zweimal, weil ich nämlich immer wenn ich zu viel Alkohol trinke, Small Talk anfange und mich am nächsten Tag selbst hasse für all den belanglosen Müll, den ich gesagt und viel schlimmer, mir lächelnd angehört habe. Aber es ist immer noch zu früh für einen Rausschmiss, also antworte ich kurz.

„Das wird ‚Die Mensch-Maschine‘ sein.“

Er schaut mich ein wenig fragend an und wartet wohl auf weitere Erläuterungen, während er die „Autobahn“-CD in der Hand hält und ich bin halt eine gutmütige Hure, ich halte es einfach irgendwo für möglich, dass er tatsächlich eine Kraftwerk-CD kaufen wird, wenn ich ihm das noch erkläre.

„Da sind halt die beiden Hits ‚Die Roboter‘ und ‚Das Model‘ drauf und der Rest ist auch gut anhörbar, während auf der ‚Autobahn‘ nur das Titelstück selbst richtig gut ist, der Rest dann aber etwas beliebig daherkommt. ‚Die Mensch-Maschine‘ hat Kraftwerk dann endgültig berühmt gemacht.“

Er hat inzwischen auch die „Mensch-Maschine“-CD in die Hand genommen und schaut die Rückseiten der beiden CDs abwechselnd an, bevor er sie beide zurückstellt. Spätestens jetzt ist mein Service für ihn wieder auf Dienst nach Vorschrift zurückgedreht. Er schaut weiter durch die Regale und meint

„Ja, es ist ja echt schade, es gibt so viele gute deutsche Sänger, aber die hört man nie im Radio!“

Ich schaue zu ihm hin und meine sehr kurz „A-ha!“ aber das war schon zu viel Aufmunterung

„Ja, ich war letzthin auf einem Konzert von Anna Deppenbusch“ Er spricht es wirklich so aus und ich korrigiere ihn „Anna Depenbusch, das hat nichts mit Depp zu tun“ wobei das sich aufdrängende „Dir“ mühsam aus dem Satz raushalte. Er plappert weiter

„Das ist meines Erachtens die beste deutsche Sängerin seit Jahren!“

Hier macht er eine Pause. Das sind so diese unangenehmen Situationen, die Dir besonders dann lästig sind, wenn Du eben Besitzer eines Plattenladens bist. Jetzt will Dein Gegenüber Deine Meinung zu seinem Lieblingskünstler hören. Dieser Moment entscheidet fast immer über den ganzen weiteren Verlauf der Kunde-Plattenladenbesitzer-Beziehung, insbesondere, wenn der implizit Fragende ein Idiot ist, der sein Selbstbewusstsein aus der Meinung anderer über ihn selbst bezieht. Wenn ich ihn nicht schon als blöden Zeitverschwender abgestempelt hätte, könnte ich mit einem wüst gelogenen „Hmm, da hab ich mir noch gar keine Gedanken drüber gemacht, aber ich glaube, Du hast Recht!“ seine Bewunderung für meine fachmännische Kenntnis erlangen, er könnte mich dann fragen, ob ich sie wirklich besser finde als Annette Humpe oder irgendeine andere deutsche Sängerin, denn das ist fast egal, weil ich mir Anna Depenbusch einfach noch nie wirklich angehört habe und ich müsste schon wieder lügen aber verdammt, wie viele langjährige Beziehungen basieren auf Lügen wie „Mit uns wird es keine Mehrwertsteuererhöhung geben!“? Und das ist auch ein schönes Beispiel dafür, dass selbst wenn diese Lüge recht schnell auffliegt, die Beziehung bis dahin vielleicht so gestärkt ist, dass man sie über Jahre aufrechterhält und sich durch alle sich abwechselnden schlechten Zeiten die Treue hält.

Tja, aber ich vergebe diese einmalige Chance, ich sehe keinen Sinn in freudlosen Beziehungen mit einem lästigen Schwätzer, auch wenn ein bisschen Geld dabei abfallen könnte, darum kriegt er nur ein etwas herablassendes

„Finden Sie?“

Meine Hoffnung war, und normaler Weise würde ich das auch annehmen, dass er jetzt recht schnell den Laden verlässt, aber er schaut weiter.

„Im Radio spielen sie halt immer nur Hits“ Ich rolle vor meinem Computer die Augen und mime einen Ruf zu Gott, was ich den verbrochen habe, dass der Typ nicht aufhört, aber er schaut gerade nicht zu mir her. Der Typ, nicht Gott, obwohl der mich wohl auch gerade ignoriert. Schluffi labert weiter und ich spüre wie meine Augen noch schneller rotieren wollen

„Jeder sagt ja, dass Radiomusik schlecht sei, weil immer nur das Gleiche läuft. Aber keiner ändert was. Fast alle Leute, die ich kenne, beschwere sich ständig darüber das im Radio immer nur das Gleiche läuft.“

Hier macht er wieder eine Pause und erwartet vielleicht eine Reaktion von mir, aber ich habe die Strategie gewechselt, schaue nicht auf und gebe auch keine Antwort.

„Zum Beispiel die Toten Hosen, da laufen halt immer nur die Hits im Radio. Die haben so gute B-Seiten, aber die hört man nie. Ich hab da mal bei einem Bekannten Lieder von den Toten Hosen gehört, das waren alles B- und C-Seiten, die waren richtig super, aber im Radio hab ich die noch nie gehört“

Ich frage mich, wie man auf einen Ausdruck wie C-Seiten kommt, kann mir das noch mit der im Boulevard verbreiteten Klassifizierung von Pseudo-„Prominenten“ erklären, eine C-Seite der Toten Hosen will ich mir dann aber nicht mehr vorstellen, weil schon die allermeisten A-Seiten mir Übelkeit bereiten. Und das nicht nur an Tagen wie diesen! Zu seinem Glück habe ich immer noch zu tun, denn um ihn rauszuschmeißen, müsste ich meine Tätigkeit unterbrechen und so wabert seine Logorrhö weiter durch mein Geschäft und meine Gehörgänge.

„Ich muss ja zur Krankenkasse, aber die macht erst um 12 auf, die Techniker“

Mein Blick geht unwillkürlich zu der Uhr an der Wand und ich fühle, wie das Blut aus meinen Adern schwindet und ich etwas bleicher werde, denn sie zeigt erst 11.30 und sie geht auch noch etwa 7 Minuten vor. Dann blicke ich mit leicht entsetzten Blick zu ihm, aber er blättert in den CDs und sieht mich nicht und bevor mir ein nicht allzu verletzender Hinweis, dass er so lange ja nicht bleiben müsse, einfällt, fließt es wieder aus ihm heraus.

„Klaus Lage, den hab ich auch mal live gesehen“ er macht eine kurze Pause, um mir die Chance zugeben, wieder in das Gespräch einzusteigen, aber von mir kommt nichts „Auch einer, der im Radio fast nie gespielt wird“

Hier ändere ich dann wieder die Strategie; Aushalten erscheint mir mit zu erwartenden 35 Minuten zu langwierig. Ich beginne zu widersprechen: „Na ja, also ‚Faust auf Faust‘ und der andere Quark aus den 80ern läuft definitiv noch viel zu oft“

Dem Kunden so krass zu widersprechen, ist etwas, was ich wirklich nur in Notfällen tue, denn natürlich möchte ich zu keinen Kunden ein gute Beziehung aufrecht erhalten, aber sogar das schreckt ihn noch nicht. Er meint sogar, mich bekehren zu können:

„Ja, aber das ist ja, was ich sage; es werden halt immer die Hits gespielt! Sie müssen sich mal die neueren Sachen von ihm anhören. Der macht so was in Richtung Jazz, das ist super interessant, sollten Sie sich echt mal anhören!“

Er will wohl keinen Klassiker, mit dem man einen Plattenladenbesitzer nerven kann, auslassen und ich steige dann mal drauf ein. „Ja, ich weiß, ich sollte mich als Plattenladenbesitzer unbedingt“ das betone ich deutlich „auch für die neueren Platten von Klaus Lage interessieren, und wer weiß, was mir da entgeht, wenn diese dicke Wurst, die früher schon nicht wirklich singen konnte, dann heute auch noch auf Anspruchsvoll macht, aber mal nichts für ungut; mit Platten, die ich mir nach Meinung von irgendwelchen Leuten – auch welchen, die sogar mal Umsatz hier machen – mal unbedingt anhören müsste, könnte ich Bibliotheken füllen. Aber dafür reicht meine Zeit nicht, denn neben meiner eigentlichen Arbeit muss ich mir ja auch noch dauernd anhören, was ich mir unbedingt“ das wieder affektiert betont „anhören müsste. Nein tut mir leid, ich glaube das Geschäft gibt’s immer noch, weil ich schon selbst weiß, was ich mir anhören sollte!“

‚Das muss doch jetzt mal gesessen haben‘ denke ich mir und hoffe, dass er jetzt endlich Leine zieht und er bewegt sich auch Richtung Ausgang, aber da sieht er noch ein Konzert-Photo von Roger Chapman und er kann es nicht halten.

„Roger Chapman war auch super, den hab ich auch mal live gesehen“ Er beugt sich vor, um den Aufdruck auf dem Photo zu lesen, während ich anfange Leute anzurufen, dass ihre bestellten CDs da sind. Er dreht sich zu mir um und will anscheinend noch etwas sagen, aber ich telefoniere. So sagt er dann nur noch

„Ich geh dann mal“ worauf ich ihm angestrengt dem Freiton im Hörer lauschend kurz zunicke und hoffe, dass ihm jetzt nicht nochmal was in den Blick fällt, was ihn zum Bleiben bewegt.

Dann ist es vorbei.

Puh!

Den deutschen Übersetzern von „Scrubs – Die Anfänger“ gewidmet

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s