Auf der Post(bank und im Supermarkt)

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Ich hab zwei Briefe, die ins Ausland müssen und nicht in den Briefkasten passen. Briefe ins Ausland dürfen ja erheblich größer sein als innerdeutsche, darum verschicke ich LPs ins Ausland im Allgemeinen als Briefe, aber deutsche Briefkästen sind nicht unbedingt auf diese Größen ausgelegt.

Einerlei, ich gedenke, das noch kurz vor Arbeitsbeginn zu tun, die Musikgarage öffnet freitags um 9.30 Uhr, die Post immerhin schon um 9, also laufe ich fünf nach neun dort ein.

Es stehen sieben Leute vor mir in der Schlange, ich denke, „Na, das sind halt alles die, die wie ich eine Woche zuvor, meinten, dass die Post schon um 8.30 aufmacht und damit dann Punkt neun vor der Tür standen.“ Aber normaler Weise ist so eine Schlange in ca 5 Minuten abgearbeitet, denn es sind zwei Schalter geöffnet, also bleibe ich absolut entspannt.

Normal ist leider, dass die Leute Briefmarken wollen oder Einschreiben verschicken. Dummer Weise wollen die beiden gerade an den Schaltern stehenden Kunden wohl etwas aufwändigeres, denn an beiden Schaltern wir viel gedruckt und erklärt, aber voran gehen tut da leider nichts. Der Laden, den wir heutzutage umgangssprachlich „Die Post“ nennen, ist nämlich offiziell die Postbank und die übernimmt eben „teilweise“ Postaufgaben, wie eben die Ausgabe von Briefmarken und die Annahme von Einschreiben und so weiter, aber die Mitarbeiter sind Angestellte der Postbank. Und so druckt die eine Mitarbeiterin ein Formular nach dem anderen aus, das sie der Kundin zur Prüfung und Unterschrift vorlegt, während der männliche Kollege, der auch noch einen kleinen Sprachfehler hat, einer Kundin, deren Hintern wenigstens recht wohlproportioniert ist, die aber ganz offensichtlich keine deutsche Muttersprachlerin ist, alles zwei bis dreimal erklären muss, weil er etwas undeutlich spricht und sie deutsch nicht zu Hundert Prozent versteht.

Das kann dauern, denkt wohl eine Dame in der Reihe vor mir nach etwa vier Minuten und verlässt ihre Position 5 in der Schlange. Direkt vor mir (jetzt neu an Position fünf) stehen zwei Männer, die offensichtlich gemeinsam warten, der eine im Handwerkerdress erklärt dem anderen in Alltagskleidung gerade, dass er unfreie Briefe von Privatpersonen nicht annehmen soll und schon gar nicht, wenn kein Absender drauf stünde und dass er sowieso nicht verstünde, wieso Leute unfrei Briefe ohne Absender verschicken, denn die könnten ja nicht mal zurückgehen. Aber Briefe von Firmen solle er unfrei annehmen, es gäbe da zwar auch welche, die die erfahreneren Leute nicht annehmen, aber das ihm detailiert zu erklären, wäre zu kompliziert, darum soll er einfach alle unfreie Firmenpost annehmen, wäre sowieso nicht so viel. An den Schaltern geht es nicht weiter, die beiden Typen haben aber auch anscheinend alles geschwätzt, es wird ruhig im Raum, hinter mir geht die Schlange inzwischen fast bis zur Tür.

Ich höre wieder Schritte hereinkommen und dann poltert eine ältere Stimme los „Diese Scheiß Post!“

Ich überlege, ob ich mich umdrehen soll und ihm erklären, dass er sich in einer Postbankfiliale befände, aber zum einen will ich eigentlich keinen Krach anfangen und zum anderen redet sofort eine weibliche Stimme leise, so dass ich sie nicht verstehe, und beschwichtigend auf ihn ein. Aber er poltert weiter „Ich weiß, dass die erst um neun aufmacht, ich war ja kurz nach acht schon hier, da konnt‘ ich grad wieder heimgehen!“ Ich muss grinsen, während wieder die beschwichtigende Stimme auf ihn einredet, dann ist wieder Stille.

Vorne geht es nicht weiter, es wird gedruckt und erklärt und ich stehe so ungünstig, dass ich die Uhr an der Wand nicht sehen kann und selbst trage ich schon seit einem guten Jahrzehnt keine mehr, aber ich denke, dass ich immer noch Zeit habe. Die Position zwei in der Schlange gibt auf und ich denke, „Na, so geht’s auch voran“, denn jetzt bin ich ja schon an fünf. Die Uhr kann ich immer noch nicht sehen.

Der Typ in der Alltagskleidung vor mir versucht gegenüber seinem Erklärbär lustig zu sein und meint, er könne ja mal für zehn Minuten in’s Cafe gehen, während sein Mentor hier die Stellung hält, worauf der nur leicht belustigt meint „So siehscht Du aus“.

Dann tritt wieder Stille ein, bevor man wieder Schritte hört und eine männliche Stimme, die fragt „Hier liegt ein Portemonnaie, hat das jemand hier verloren?“ Ich greife kurz nach meinem, es ist wie erwartet noch da. Ich habe mir ja völlig abgewöhnt mich nach allem und jedem umzudrehen, merke aber hinter mir ist viel Bewegung in die Schlange gekommen, man freut sich offensichtlich über die Abwechslung. Einige Stimmen sagen „Nein“ und der Polterer von vorher erhebt wieder die Stimme und fragt „Ist denn was mit einem Namen drin?“ Der Finder antwortet nach einer kurzen Pause, während ich hinter mir spüren kann, wie gespannt alle sind – und ich frage mich wieso eigentlich. Wieder verspüre ich die Lust mich umzudrehen und zu fragen „Wofür brauchen Sie denn den Namen?“, denn es müsste doch jeder Depp inzwischen gemerkt haben, ob er sein Portemonnaie noch einstecken hat oder nicht, aber es ist sicher die Abwechslung vom öden Warten, die die Leute bewegt und ganz sicher nicht die blöde Neugier, wer denn da seine Geldbörse hat liegen lassen.

Der Finder nennt einen zugegeben richtig lustigen Namen so etwas wie Eduard Schimmelpfennig (Name jetzt erfunden, weil Originalname vergessen), worauf der Polterer feststellt „Nein, das ist nicht meins“. Ich verspüre den Drang zu lachen, weil ich sicher bin, dass der Finder den Geldbeutel auch rumgezeigt hat, so dass jeder Trottel hätte sehen können, ob es der eigene ist, gleichzeitig entsteht wieder ein Stimmengewirr, das dem Finder empfiehlt, das Ding einfach am Schalter abzugeben, was der dann auch tut. Dann beruhigt sich die Lage wieder, vorne geht es noch nicht weiter, es wird gedruckt und erklärt. Ich wünschte, ich könnte die Uhr sehen, so langsam bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich noch viel Zeit habe.

Der Polterer ist wieder zu hören, diesmal aber leiser und für mich nicht verständlich, dafür verstehe ich diesmal die beschwichtigende Stimme „Aber die Leute arbeiten doch, das sind halt nur ausgrechnet zwei Kunden, die irgendwas wollen, was ewig lange dauert und die halt glücklich zuerst dran gekommen sind“ Ich frage mich, wie die Frau es wohl jahrzehntelang an der Seite dieses Motzkoppes ausgehalten hat, denn beide Stimmen klingen nach höherem Seniorenalter und beginne drüber nachzudenken, was die Liebe doch für eine große Macht ist, dass sie so zwei Menschen mit so unterschiedlichen Mentalitäten verbinden kann.  Und dann muss sich wieder grinsen, weil es am Ende vielleicht doch nur die Macht der Gewohnheit ist.

Vorne geht es nicht weiter, ich hätte was zu lesen mitbringen sollen, beim Arzt habe ich immer was dabei, aber wer konnte mit so etwas rechnen, da hört man hinten wieder Schritte und eine leicht panische, männliche Stimme fragt „Hod irschendwer mei Portemonnaie g’sehe? Ich hab des do drauße lische g’losse“ Man könnte glauben, die Menge hat darauf gewartet, sogar die beiden Typen vor mir drehen sich um, die Masse feiert den Mann förmlich, so dankbar ist man für die gebotene Abwechslung, und es grenzt an ein Wunder, dass er in dem Stimmengewirr wirklich auch versteht, dass sein Geldbeutel direkt am Schalter liegt, weil die Postbankangestellte immer noch Ausdrucke erstellt, vorlegt und unterschreiben lässt und keine Zeit hatte, ihn mal irgendwo anders zu deponieren.

Er läuft also zum Schalter, holt sein Eigentum wieder ab und ich überlege, dass da jetzt jeder hätte kommen können, denn überprüft wird da gar nichts, während er aber sehr authentisch „Ach Gott, do bin isch aber froh“ von sich gibt. Eine laute Stimme ruft „Ja! In Bensheim gibt es auch noch ehrliche Menschen!“ worauf der glückliche Verlierer von sich gibt „Ja, do hab ich diesmol Glück g’habt, ’s letschte Mol war’s ford und iss ned mehr uffgetaucht!“ Ich muss grinsen und frage mich, warum andere Leute nicht mal aus Schaden klug werden, da setzt er noch einen drauf „Des war g’rad vo zwee Woche, do hab isch’s schun ämol lische losse und dess war ford!“ Ich bin kurz davor laut zu lachen, kann mich aber noch beherrschen, weil der Mann könnte ja auch im Stadium beginnenden, aber noch nicht diagnostizierten Alzheimers sein, das wäre nicht komisch. Und es verbietet sich wohl auch der Tipp, er solle sich mal daraufhin untersuchen lassen, wenn man nicht die offensichtlich ältere Volksseele in der Schlange hinter einem gegen sich aufbringen will. Außerdem ist vorne endlich genug gesichtet und unterschrieben worden, es geht an einem Schalter tatsächlich weiter, die fühlbare Entspannung durch die Geldbeutelgeschichte verstärkt sich, man spürt wieder Leben im Raum und nicht nur die unterdrückte Aggression, weil es nicht weitergeht. Und auch der wohlproportionierte Hintern hat dann endlich alles verstanden, so dass ich auf einmal Ruckzuck am Schalter stehen, meine beiden „Briefe“ wiegen und mit Porto versehen lasse und während der Angestellte alles eintippt noch beiläufig und etwas lauter zu ihm sage „Und dann will ich das , was die junge Dame vorhin wollte, das was ewig gedauert hat“ Er schaut mich etwas unsicher fragend an und denkt vielleicht, ich wolle ihn kritisieren, worauf ich weiter fortfahre „Ich will den Hass der Massen in meinem Rücken spüren“ Er grinst immer noch unsicher und kassiert mich ab. Ich schau auf die Uhr an der Wand und habe noch fette acht Minuten bis halb zehn.

Das reicht vielleicht noch, um schnell in dem berühmten, schon mehrfach in meinem Blog erwähnten Supermarkt gegenüber was zu holen, wenn dort die Schlange nicht so lang ist. Also eile ich an der Postbankwarteschlange, die immer noch bis hinter die erste Tür reicht, vorbei, muss mich dabei an der Dame mit dem hübschen Hinterteil vorbeiquetschen, weil die nun genau in der Tür sich mit einer Wartenden in einer fremden Sprache unterhält und dadurch schon wieder alles aufhält.

Und tatsächlich; man kann durch die Glasscheibe schon sehen, dass im Supermakrt für die Tageszeit ungewöhnlich wenig los ist, es stehen gerade mal zwei Personen an der Kassen an, also springe ich rein und denke „Klar, die stehen ja alle noch in der Post“ und schaffe es pünktlich 9.30 meinen Laden aufzuschließen, vor dem ausgerechnet heute auch schon ein Kunde wartet, was so gut wie nie vorkommt.

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