16.09.2016

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Regelmäßige Leser wissen ja, dass ich in den 23 Jahren, die ich das Geschäft nun schon betreibe, Abneigungen gegen gewisse Sachen entwickelt habe, am Bekanntesten dürfte die gegen die einleitende Frage „Ich hab nur mal eine Frage“ sein.

Aber da gibt es noch mehr und dieser Tage fand sich ein „Kunde“ bei mir im Laden ein, an dem ich die fast alle wunderbar demonstrieren kann.

Zunächst sah ich ihn, ca 1,75 groß Mitte Ende 30, leicht gerötetes Gesicht mit bräunlichem Vollbart, zufällig, wie er erst an der Ladentür vorbeiging, dann wohl kehrt machte und mein Geschäft betrat. Da atme ich schon immer tief durch, denn Leute, die erst mit dem zweiten Gedanken hereinkommen, wollten eigentlich gar nicht reinkommen, grüßen darum zu 95% nicht und kaufen zu 95% auch nichts. Gegen Letzteres ist erst mal wenig zu sagen, wenn sie dann nicht lust- und planlos alles Mögliche anfingern – soweit kann ich das noch hinnehmen –  und es am Ende sogar noch aus dem Regal nehmen um es dann irgendwo wieder reinzustellen, und zwar leider nicht da, wo es hingehört und ich es suchen würde.Und so wenig wie sie freiwillig grüßen, so wenig verabschieden sie sich dann auch und versuchen unauffällig, wie es Diebesgesindel auch tut, den Laden zu verlassen und so lange sie dann auch nie wieder kommen, soll mir das sogar Recht sein. In einzelnen Fällen kommen solche Leute dann auch noch zu mir und beginnen mit „Ich hab nur mal eine Frage“ und das ist dann meistens nichts Gescheites.

Der oben erwähnter Kunde passt in dieses Bild; er vermeidet in meine Richtung zu schauen und ignoriert, dass ich ihn zweimal grüße, das zweite Mal natürlich deutlich lauter für den Fall, dass ich bei ersten Mal zu leise war.

Nun, Leute, die einen Laden betreten und dabei in kleinkindlicher Weise jeden Augenkontakt mit dem Personal vermeiden, als ob das Personal sie dadurch auch nicht wahrnehmen könnte, haben es bei mir schon etwas schwer. Klar, es gibt schüchterne Menschen, ich gehöre selbst in mancherlei Hinsicht dazu, aber ab einem gewissen Alter sollt man sich das einfach bewusst gemacht haben und sein Selbstbewusstsein so weit auf Vordermann gebracht haben, dass man in ein Geschäft wie meines hineingeht und einfach mal „Guten Tag“ oder „Hallo“ sagt. Kindern und Jugendlichen sehe ich das bisweilen nach, je nachdem wie sie sonst so auftreten.

Das Vermeiden des Ansehens meiner Person gibt übrigens auch in Verbindung mit der Erwiderung meines Grußes, während man die Wand oder sonst was anschaut. Auch diese Variante findet NICHT meine Begeisterung, die Wand zu grüßen finde ich sogar noch respektloser als gar nicht zu grüßen, da letzteres ja wie gesagt noch mit Schüchternheit entschuldbar sein kann.

Also der „Kunde“ hat jetzt zweimal meinen Gruß ignoriert und steht mit den Händen in seinen Jeanshosentaschen leicht breitbeinig vor dem Regal rechts der Tür. Ich gebe zu, mein Schild „Nimm die Hände aus den Taschen, das ist nicht cool sondern unhöflich…“ hängt etwas ungünstig, aber da der enthaltene Text ein wenig länger ist, habe ich keinen optimalen Platz, so dass es jeder Stoffel gleich zur Kenntnis nehmen kann, dafür gefunden. Hier denke ich schon, der wird ein exemplarisches Beispiel dafür, wie ich es in der Musikgarage nicht schaffe und da ich sonst nichts zu tun habe, fixiere ich ihn einfach mal. Er nimmt das erst mal nicht zu Kenntnis, weil er immer noch mit dem Rücken zu mir breitbeinig mit den Händen in den Taschen vor dem Regal steht.  Und tatsächlich nimmt er eine Hand bisweilen aus der Tasche um etwas lustlos ein wenig in den CDs zu blättern. Diese vielleicht nur gespielte Lustlosigkeit ist speziell unter den Leuten, die nicht grüßen weit verbreitet, und kommt natürlich häufig in Kombination obercool in den Hosentaschen  vergrabenen Händen vor. Wenn mir das auffällt, frage ich mich meist, warum sind sie überhaupt reingekommen; ein bisschen Interesse sollte man doch mitbringen, wenn man in einen Laden geht, warum also pseudocooles Desinteresse markieren?

Derweil ich solche Gedanken hege, fängt der „Kunde“ an, mit sich selbst zu reden. Auch so eine Eigenheit, die ich nie verstehen werde. Es gibt enorm viele Leute, die mit sich selbst oder mit Begleitern darüber, was sie eigentlich suchen, zu reden anfangen und dass sie es nicht finden, ich geben zu, je nachdem wie Sie bis dahin aufgetreten sind, springe ich Ihnen zu Hilfe oder lasse sie, wenn sie zum Beispiel mich nicht gegrüßt haben, mit ihren verzweifelten Versuchen, meine Aufmerksamkeit mir ihrem Geschwätz zu erregen, minutenlang vergeblich durch den Laden laufen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass nur etwa 5% dieser Leute letztlich die Eier haben, mich dann doch mal direkt zu fragen. Früher habe ich auch diesen Leuten meine Hilfen angeboten, nur um diesen Aufwand nach endlosem Palaver mit Sprüchen wie „Da muss ich nochmal nachfragen“ oder „ich weiß nicht, ob das die richtig ist“ gedankt zu kriegen. In demnächst schon 24 Jahren in dem Geschäft habe ich viele Erfahrungen mit solchen Kunden gesammelt, der Erwartungswert, dass solche Kunden am Ende etwas kaufen, ist gering. Das wird dem einzelnen Kunden natürlich nicht immer gerecht, aber weitestgehend sind meine Einschätzungen wohl korrekt und ich spare mir eine Menge unnötigen Aufwand, indem ich gewisse Kunden einfach sich selbst überlasse und mich um Dinge kümmere, die meine zahlende Kundschaft später zu würdigen weiß.

Der „Kunde“, um den es hier geht, hat nun das Glück oder das Pech, dass ich gerade nichts Wichtiges zu erledigen habe, wie gesagt, er spricht leise und für mich undeutlich mit sich selbst, nimmt eine CD in die Hand, öffnet sie, sieht dass nichts drin ist, wendet sie nochmal und stellt sie zurück. Das ist eine Verhaltensweise, auf die ich hochallergisch reagieren kann; wenn so ein „Kunde“ – und Kunde kommt ja von auskundschaften –  das Geschäft anschließend sofort verlässt.  Das ist dann ein fast sicheres Indiz dafür, dass hier nur erkundet wurde, ob es was zu Klauen gibt. Aber mein Beobachtungsobjekt stopft seine Hände wieder in die Hosentaschen, murmelt weiter vor sich hin, und bemerkt als er den Kopf dreht erstmals, dass ich ihn fixiere, murmelt weiter, kommt murmelnd auf mich zu und ich erwarte jetzt den Standard „Ich hab da mal eine Frage“, aber das lässt er tatsächlich aus, was mir ein Grinsen abringt, während er quasi ohne sein Germurmel zu unterbrechen von irgendeinem Kauderwelsch zu der Ansprache „Ich such da eine CD und vielleicht können Sie mir da helfen, eine Soloscheibe von Gordon Gano, ich hab die bisher nirgends gefunden, aber ich dachte, ich frag mal hier, Sie haben da ja vielleicht bessere Möglichkeiten, so was zu finden.“ Während der ganzen Zeit hab ich ihn weiter fixiert und breiter angefangen zu grinsen, da er auch diesen Fettnapf jetzt noch betreten hat. Ich antworte nur knapp „Ja!“ und mache weiter nichts, fixiere ihn, was ihn dann verunsichert. Es entsteht eine kurze Pause, dann faselt er weiter halblaut vor sich hin, erläutert mir, dass das der Typ von den Violent Femmes sei, was mich auch nerven könnte, aber o.k. das muss man vielleicht auch als Plattenladenbesitzer heutzutage nicht unbedingt wissen – ich wusste es trotzdem schon vorher – aber ich höre auch schon gar nicht richtig hin, sondern unterbreche ihn nach ein paar Sekunden etwas rüde „Nichts für ungut, aber so verstehe ich meinen Job schon seit langem nicht mehr!“ hier mache ich eine kleine Kunstpause, um sein etwas verdutztes Gesicht zu genießen „Sicher könnte ich jetzt schauen, ob ich die CD besorgen könnte, aber das mache ich nur noch für Kunden, die auch sonst ihr Geld hierher tragen und nicht für Leute, die alles andere bei Amazon oder im Media Markt kaufen und nur kommen, wenn’s knifflig wird oder das Zeug bei Amazon 30 Euro und mehr kostet“ Er blickt mich irritiert an und ich lege nach „Und überhaupt habe Sie es wirklich geschafft, hier alles falsch zu machen, was man falsch machen kann“ er schaut noch irritierter „Sie habe hier definitiv nicht vernehmlich gegrüßt, obwohl ich sie zweimal gegrüßt habe!“ Hier meint er einhaken zu können und entgegnet  „Apropos vernehmlich; ich habe nichts gehört“ Aber ich dulde keinen Widerspruch „Sie haben ja schon beim Reinkommen tunlichst vermieden mich anzuschauen und mein zweiter Gruß war sehr deutlich zu hören, das mache ich immer so, aber egal, dann stehen sie hier fett und supercool mit den Händen in den Taschen und jetzt kommen sie noch her und fragen nach einer CD, die sie nirgends mehr auftreiben können, Mann sie haben’s echt drauf, hier alles falsch zu machen, was geht“ Er fängt an zu palavern, aber ich habe keine Lust auf Palaver, weil auch neue Kundschaft im Laden ist, welche, die die Investition meiner Zeit wohl mehr lohnt und sage nur „Hey, vergessen Sie’s einfach, wir kommen hier nicht mehr zusammen, wir hatte einen schlechten Start und finden zu keinem guten Ende mehr, belassen Sie’s dabei.“ Er sagt besonders affektiert und laut „Na, dann wünsche ich Ihnen jetzt einen schönen Tag“ und ich antworte „Den wünsche ich Ihnen auch, und hätten sie mit so einem guten Benehmen hier angefangen, hätte das was mit uns werden können“

Er zieht von dannen, ich widme mich neuer Kundschaft, und nach etwa zwei Minuten schallt es von der Türe nochmal herein, „Einen schönen Tag nochmal“, da ich aber gerade in einem Kundengespräch bin, winke ich nur mit einem kurzen „Ihnen auch“ zurück, freue mich ein wenig, dass mein kleiner Erziehungsratschlag so gut gefruchtet hat und hoffe, dass er das nicht im nächsten Geschäft schon wieder alles vergessen hat.

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