Sound of Silence

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Ich mache das Geschäft ja jetzt schon seit 23 Jahren und in all diesen Jahren sind mir oft Leute begegnet, die fanden die Vorstellung, in einem Plattenladen zu arbeiten saucool und natürlich fanden sie die Idee, sogar Chef in so einem Laden zu sein, noch cooler. Bei einigen dieser Leute könnte man wohl sagen, sie beneideten mich wirklich. Um meinen Job natürlich nur, nicht um mein Einkommen, denn darin sind sich ja alle einig, viel ist damit nicht zu verdienen.

O.K., viele von diesen Leuten, die meinen Job so toll fanden, wollten mich wohl nur mehr oder weniger bewusst anschleimen, in der Hoffnung bei mir ein leichtes Praktikum oder einen easy Ferienjob zu kriegen oder weil sie einfach generell Schleimer sind und die letzte Gruppe beinhaltet natürlich die Typen, die mit Aktenkoffer reinkommen und mir eine günstigere Versicherung, billigeren Strom oder was weiß ich, was ich noch alles brauchen soll, verkaufen wollten.

Meiner Leserschaft ist natürlich – weil ihr seid die besten und intelligentesten und habt so ein geiles Leben; ich würde ja auch gerne den ganzen Tag Blogs von Plattenladenbesitzern lesen- bewusst, dass ich nicht nur den ganzen Tag Musik höre und ab und zu die Kasse aufmache, um das Geld der Kundschaft darin zu sammeln, das ich dann abends mit der Schubkarre zum Bankautomaten rollen muss, weil ich es nicht mehr tragen kann. Letztere schräge Annahme scheinen einige dieser Neider zu haben, ein Kunde hat das sogar mal mit „Du sitzt doch den ganzen Tag nur hier und hörst Musik“ zum Ausdruck gebracht. Nun, zumindest dem wurde recht schnell klar, dass ich gelegentlich auch mit Kunden zu tun habe, die ich nicht so sehr schätze und bei denen ich nicht immer freundlich bleiben kann.

Und damit sind wir (fast schon) beim Thema, denn natürlich höre ich den ganzen Tag Musik, und die meisten können sich auch denken, dass die Ware nicht einfach so von selbst in den Laden läuft, da muss ich mich drum kümmern und am besten bestelle ich natürlich solche, die sich verkauft. Zugegeben, es gibt bei einigen Kunden auch die Vorstellung, dass ich die ganze Ware von irgendwoher ohne großes eigenes Zutun geliefert bekomme. Kann man sogar machen, viele meiner früheren Mitbewerber haben das wohl auch getan. Aber von denen muss ich halt jetzt auch in der Vergangenheitsform sprechen.

Aber mit Musikhören und Ware ordern, den ganzen laufenden Kosten und dem ganzen Bürokratiekram ist das Geschäft eben immer noch nicht gemacht. Denn was die meisten völlig außer Acht lassen, wenn sie sich anfangen, tiefere Gedanken zu machen, wie mein Geschäft wohl läuft, ist der Umgang mit Kunden. Und ganz ehrlich, das ist der härteste Teil des Geschäfts. Ein Bekannter, der des Öfteren an meiner Theke herumlungert, meinte einmal entwaffnend ehrlich „Du, ich könnte das nicht! Was Du Dir hier den ganzen Tag so anhören musst, ist ja schon hart, aber wenn dann noch Leute kämen und würden mich nach der neuen CD von Andrea Berg fragen,  da würde ich wohl endgültig austicken!“ Und genau darum geht es, ich bin Dienstleister für meine Kunden und nicht Kritiker des Geschmacks meiner Kunden. Natürlich hat der größte Teil der Nicht-Kunden genau da seine Hemmschwelle, er schämt sich innerlich für seinen Geschmack und bevorzugt darum den anonyme(re)n Einkauf im Internet oder im Elektrogroßmarkt, wo nicht ein nach Musikfreak aussehender Typ an der Kasse steht, sondern eine 08/15 Kassiererin, die nicht mal mit der Wimper zuckt, wenn man eine Modern Talking, eine Andrea Berg oder eine Helene Fischer-CD scannen lässt. Ich zucke natürlich auch nicht, aber trotzdem geht bei den meisten dieser Kunden mit Hemmschwelle schon bei dem Gedanken, eine solche CD bei einem „Fachmann“ kaufen zu müssen, das Kopfkino an und sie sehen einen ultrabreit grinsenden Verkäufer vor sich, der ihr Geld einzieht und dabei denkt „Wie kann man so eine Scheiße kaufen“.

Gegen solche Ängste kann ich auch nicht wirklich was machen, man muss halt einfach Eier in der Hose haben, um in ein kleines Einzelhandelsgeschäft zu gehen und was zu kaufen, man braucht einfach das Selbstbewusstsein, dass der andere keine und nur man selbst Ahnung von Musik hat und ganz dicke Eier braucht man in der Musikgarage, denn wie langjährige Leser schon wissen, man schafft es in der Musikgarage nicht, wenn man erst blöde und wortlos vor dem Typen steht, der gerade die Tür aufgeschlossen hat und jetzt die Schilder zum Signal dass geöffnet ist, raustellt, um dann grußlos an ihm vorbei in den Laden schleichen zu wollen, nein solche Leute bringen es nicht weit in der Musikgarage.

Aber ich wollte ja eigentlich von meiner Arbeit erzählen; der Umgang mit Kunden ist besonders hart, wenn man Sympathie für sie empfindet, sie aber einen grottenschlechten Musikgeschmack haben. Und damit kommen wir zu einem der größten Musikverbrechen der Neuzeit, die Coverversion von „The Sound of Silence“ von The Disturbed. Ich möchte an dieser Stelle die Süddeutsche Zeitung zitieren:

„Alles, wirklich alles an diesem Song ist eine Zumutung: Die frömmelnd-bebende Stimme des Sängers. Die Pauken, die Streicher. Und natürlich das Video,…. Es ist also, kann man sagen, Musik für Menschen, die sich eigentlich nicht für Musik interessieren. Kein Wunder, dass die Nummer ein Riesenerfolg ist,…“

Damit ist leider wirklich fast alles gesagt, außer dass mich die Nummer an den unseligen Graf von Unheilig erinnert und sogar Paul Simon, der die Nummer bekanntermaßen geschrieben und mit Art Garfunkel erstmals aufgenommen, getwittert hat, wie wundervoll er die neue Version findet. Ich will nicht darüber spekulieren, ob Simon nun im Alter schlechter hört oder sich einfach über die zu erwartenden Tantiemen freut, er liegt einfach falsch! Egal wie oft ihr die abgedroschene Floskel von den harten Kerlen mit weicher Schale hört, die Nummer ist genauso schlecht wie „Wind of Change“ von den Scorpions, wie „(Everything I do), I do for you“ von Bryan Adams, wie „I’d do anything for love (but I won’t do that)“ von Meat Loaf oder „Always“ von Bon Jovi. All diese Nummern haben gemeinsam, dass sie megaerfolgreich waren, weil sie auch Leute erreichten, die sonst nur Muzak hören und die Interpreten anschließend allesamt vom Erfolg der jeweiligen Nummer korrumpiert nie wieder die vorherige Qualität erreichten. Ja, ein großer Teil der Leser muss wirklich stark sein, die einen, weil ihr musikalischer Held – ich – Bands wie Bon Jovi, die Scorpions und Meat Loaf zu irgendeinem Zeitpunkt ganz gut fand, und die anderen, weil ich auf dem Standpunkt stehe, dass ihre Helden ab einem gewissen Zeitpunkt einfach überwiegend schlimmen, dadurch aber extrem radiotauglichen Mist produziert haben. Aber ich weiß, meine Kunden stehen das durch, weil sie eben Eier haben und ihnen scheißegal ist, was ich denke. Ich bin da zwar immer etwas hin- und hergerissen, aber letztlich mag ich doch lieber Leute, die ihre eigene Ansichten auch gegen Widerstände vertreten, als solche, die mir ständig nach dem Mund reden.

Hart ist es halt, wenn wie oben erwähnt sympathische Leute vor einem stehen, und eben nach dieser geilen neuen Cover-Version von „The Sound of Silence“ fragen. Und wenn sie dann die Nummer noch mal hören, wollen, weil sie ja auch sicher sein wollen, dass es die Version ist, die sie im Radio gehört haben und einem während sie läuft mit glücklichen Augen erklären, dass es genau diese Nummer ist und wie geil die ist. Diesen Leuten dann ihr Glück nicht zu rauben, indem man seine eigene unmaßgebliche Meinung einfach ausblendet und mit einem ehrlichen – oder auch nur gut geschauspielerten  – Lächeln ihr Glück teilt, das ist vielleicht wirklich das härteste an diesem Job. Und das ist der Teil an dem fast alle, die glauben, es wäre so cool, in einem Plattenladen zu arbeiten, Ruck Zuck scheitern würden, ganz besonders die Leute, die mir bei ihrer Bewerbung noch erklären, wie gut sie sich in „ihrer Musik“ auskennen und wie viel Kumpels dann zum einkaufen vorbei kämen.

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