08.08.2016

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Als kleiner Einzelhändler – und das gilt nicht nur für Tonträgerhändler, das betrifft sicher auch fast alle anderen Branchen – ist man ja häufig auch ein bisschen Psychotherapeut. Ich mach das Geschäft ja jetzt 23 Jahre und hab da schon eine Menge anhören müssen/dürfen, so viel, dass ich schon häufiger dachte, ich müsste mal bei den gesetzlichen Krankenkassen anfragen, ob ich da nicht bei einigen „Kunden“ Therapiegespräche abrechnen könne.

Einige dieser Kandidaten haben ja bei regelmäßigen Lesern meiner früheren Blogs richtiggehend Berühmtheit erlangt, wie die beiden Freigänger aus der Psychiatrie M & H, die leider nur ein gutes halbes Jahr ein schräges Kundenduo gebildet haben, das mit großartigen Anekdoten aufwartete, von denen einige in den Jahresrückblicken zu finden sind. Was man nach meiner Erinnerung noch nicht findet, ist die Geschichte, dass H einmal alleine in den Laden kam, irgendwann vor dem Rock/Pop-Regal stand und nach CDs schaut, als er sich plötzlich und unvermittelt zu mir umdrehte und fragte „Bin ich denn so schlimm?“ Ich schau verdutzt von meinem Bildschirm hoch und frage fast beiläufig und um Zeit zu gewinnen „Was?“ worauf er mir erklärt „Ich träume nachts immer, dass Du mich umbringen willst“ Gott sei Dank wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass er psychische Probleme hat und erwiderte trocken und unaufgeregt „Ich glaub‘, Du hast Deine Pillen nicht genommen?!“, was M auch tatsächlich ein paar Tage früher angedeutet hatte. Darauf dreht sich H einfach mit einem gemurmelten „Ja“ wieder zum  CD-Regal um und kaufte anschließend dann eine Van Halen-CD.

Nachdem sich H später dann mit einer Frau verlobt hatte, zeigte M massive Eifersuchtserscheinungen, kam wöchentlich mit irgendwelchen Geschichten über H, wie z.B. dass der pleite sei und ich ihm nicht leihen sollte (als ob ich je auf diese Idee gekommen wäre) oder dass H eigentlich ein Transgender sei, also als Frau geboren sei und die geschlechtsangleichende Operation noch nicht erfolgt sei, weshalb diese Verlobung mit einer Frau für ihn, M, pervers sei . Vielleicht, weil ich das alles immer gleichgültig hinnahm und ihm erklärte, dass mich seine eifersüchtigen Geschichten inzwischen nerven wurde er irgendwann dann noch blumiger und erzählte, dass er und H ja ein Paar gewesen seien und H sei die Frau gewesen, was ich ganz sicher nicht hören und mir schon gar nicht vorstellen wollte. Und glauben wollte ich es schon gar nicht.

Ich gebe zu, die beiden sind natürlich wie mein persischer „Freund“ Extremfälle, aber ganz ehrlich, da könnten die zuständigen Therapeuten mir echt was von ihrem Stundenlohn abtreten, so viel Gehör bringe ich für solche Leute auf.

Aber es sind natürlich nicht nur solche speziellen Leute, die mir Geschichten erzählen , bei denen ich mich frage, warum ich mir das anhören muss, es gibt auch einen Physikstudenten kurz vor dem Masterabschluss, der meinen Laden mehrmals die Woche als Ersatzwartehäuschen für den Bus nutzt, weil’s trocken ist und Musik läuft, über die er sich dann noch regelmäßig aufregt und in unerschütterlichem Selbstvertrauen annimmt, dass mich seine Geschichten über irgendwelche Frauen mit offensichtlichen Persönlichkeitsstörungen oder Jobangebote, die ihm und seiner Intelligenz nicht angemessen seien, brennend interessieren müssten. Dass er trotz eines bisherigen Umsatzes von geschätzten 7,50 Euro in einem Jahr noch nicht als Zeitverschwender rausgeflogen ist, verdankt er der Tatsache, dass er bisher zum einen keine rechtslastigen Bemerkungen getätigt hat und dank seiner von mir unterstellten Bildung sich auszudrücken versteht und bisweilen auch mal was interessantes zu erzählen weiß.

Seine nun folgenden 5 Minuten Berühmtheit in diesem Blog verdankt er allerdings der Tatsache, dass ihm heute während einer kurzen Gesprächspause – da ich seine Erzählung heute im Vergleich zu meinen zu verrichtenden Tätigkeiten nicht ausreichend interessant fand, um mehr als kurz „Ja“ und „Aha“ zu antworten, schob ich die Gesprächsführung voll und ganz ihm zu, während ich zwischen meinen Ohren die Autobahn, die den Schall schnellstmöglich und vor allem widerstandsfrei von ihm zugewandten linken Ohr wieder zum Ausgang rechtes Ohr leiten sollte, geöffnet hatte – geradezu beiläufig auffiel: „Ich weiß gar nicht, was ich heut‘ noch machen soll, ich hab nix mehr zu kiffen!“

Das ist so eine Satz, da geht dann doch kurz die Ampel auf der Ohr-zu-Ohr-Transit-Autobahn auf rot und seine Worte machen eine Vollbremsung in meinem Kopf, ich lasse das Gesagte nochmal in Zeitlupe ablaufen, drehe mich zu ihm um und meine mit einem breiten Grinsen „Da hast Du ja echt ein Problem!“ Er lacht und sagt „Ja, gell, kannste das lösen?“ und hier haben wir diese wunderschöne Situation, dass zwei Leute das gleiche sagen und ziemlich verschiedene Sachen meinen. Ich schüttele grinsend den Kopf und wende mich wieder meiner Arbeit zu, während er weiter ausführt. „Im Moment hab ich wieder so Bock zu kiffen, ich hab mir letzten Samstag was gekauft und Sonntag Abend war alles weg.“ Er macht eine Kunstpause „Dann bin ich Montag extra losgefahren und hab wieder was gekauft und Dienstag war es schon wieder alles weg“ Wieder Kunstpause und wohl auch weil ich kopfschüttelnd grinse, macht er weiter, „Donnerstag also wieder was besorgt, das war Freitag auch schon wieder weg, also musste ich nochmal was fürs Wochenende besorgen und jetzt ist schon wieder nix zu Hause“

Ja, manche Leute haben wirklich Probleme, denke ich, und rekapituliere all die Klagen, die während all der Jahre (23!) über Arbeitslosigkeit, Preiserhöhungen beim Heizöl, Gas, der Post und der Bahn oder über das Ende von Liebesbeziehungen und Ehen oder Todesfälle in der Verwandtschaft und im Freundeskreis anhören musste, ja sogar mein eigener gelegentlicher Kummer erschien mir in diesem Moment so banal, denn hier steht ein Mensch mit einem wirklichen Problem. Es ist etwa 13.00 Uhr und er hat nichts zu kiffen für den restlichen Tag. Während ich das denke, denkt er wohl auch und wieder gilt, wenn zwei das Gleiche tun ist es nicht das selbe; der Satz „Wo könnte ich denn jetzt was her kriegen?“ bremst wieder vor der immer noch roten Ampel.

Aber ich bin ja hilfsbereit „An der Unterführung beim Netto kannste sicher was kriegen!“ Das interessiert ihn  „Meinst Du das nur, oder weißt Du das?“ Natürlich weiß ich das nicht, aber wenn ich jemals in meinem Leben wirklich auf die Idee kommen sollte, mir irgendwelchen Scheiß in die Lungen zu ziehen, dann würde ich wohl dort versuchen, sowas  aufzutreiben. Er denkt kurz darüber nach, aber dann erscheint es ihm zu unwahrscheinlich,  dass dort jemand was dabei hat und wenn es dann jemand dort besorgen könnte, würde das wohl dauern und dann wüsste er nicht, was für eine Qualität das sei, nein, er wird wohl eher nach Frankfurt zu einem „Freund“ fahren, aber vorher muss er noch Geld holen, aber dafür weiß er, dass die Qualität stimmt. Dummer Weise fährt der nächste Zug  erst wieder in fast einer Stunde, was in mir doch die Angst steigen lässt, dass er mich noch eine weitere Stunde zutextet, denn irgendwann ist einfach mal genug. Außerdem hat sein Handy den Geist aufgegeben, weshalb es auch noch fragt, ob er mal in Frankfurt anrufen könne. Da habe ich dann aber doch keinen Bock drauf, dass wenn irgendwann ein kleiner Dealer in Frankfurt hoppsgenommen wird, man meine Telefonnummer in seinem Handyspeicher findet. Er hat sogar Verständnis dafür und weil er jetzt noch Zeit totschlagen muss und sicher glaubt, dass mich das interessiert, fängt auch an über die Entwicklung der Qualität von Haschisch in den letzten zwanzig Jahren zu sinnieren, was mich überlegen lässt wie alt er eigentlich ist; kennen tue ich ihn wohl so ca 25 Jahre, – also länger als ich den Laden habe (genau: 23 Jahre!) und damals  war er noch ein kleiner Pimpf. Während er so daher erzählt, frage ich mich, ob er etwa wirklich schon mit etwa 13 angefangen hat zu kiffen und ob das Zeug dann nicht doch eine gewissen Abhängigkeit erzeugt. Irgendwann kommt er dann zu dem Entschluss, dass er jetzt mal Geld besorgen muss und verabschiedet sich mit dem Spruch „Dann nehm‘ ich mir mal so lang ein Bonbon!“ und greift in die Bonbonniere. Zurück bleibe ich einmal mehr mit der Frage, ob ich das wirklich alles wissen wollte.
Anhang:

Seltsame Menschen sind das, die 200 Meter vor einer roten Ampel, an der bereits mehrere Fahrzeuge stehen, immer noch Gas geben und Dir fast in den Kofferaum reinkriechen, als ob die Ampel merken würde, dass es da einer besonders eilig hat und darum auf grün umspringen würde, wobei dann immer noch die bereits wartenden Fahrzeug im Weg stünden.

 

 

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