05.08.2016

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Wenn man 23 Jahre ein Geschäft betreibt, gibt es ja nicht mehr so viel, das einem überraschen kann, weil man es noch nicht erlebt hätte. Man kennt sogar Leute, die verdrehen bei dem Spruch „Du, ich mach das jetzt seit 23 Jahren, aber wenn Du meinst, dass Du es besser kannst, dann zeig ich Dir einen Laden, der leersteht, den kannste mieten und dann schauen wir mal, ob Dein Laden in 23 Jahren auch noch existiert“ die Augen und deuten an, dass sie den Spruch nicht mehr hören können und ich einfach nur beratungsresistent gegen ihr tollen Vorschläge sei.

Aber man hat einfach nach 23 Jahren im Geschäft schon viel gesehen, auch so Typen wie den, der heute, Freitag Vormittag in Trainingshosen mit drei Seitenstreifen einläuft, nicht von selbst aber immerhin zurück grüßt, dann eine Weile die CDs im Rock/Pop-Bereich durchguckt, auch eine findet, die ihn anscheinend interessiert und die er dann in der Hand hält, bevor er sogar zu mir kommt und fragt, ob ich denn auch was von Slayer habe. Ich zeig ihm, wo das Gebolze steht, er schaut danach fast eine halbe Stunde lang das Metal und das Independent-Fach durch, bevor er letztendlich mit zwei CDs – darunter definitiv nicht die, die er zu Anfang in der Hand hatte – für zusammen 19 Euro an der Theke erscheint und meint, „Ich nehm die beiden!“ Ich will mich schon dienstbeflissen umdrehen, um die CDs zu den leeren Schachteln zu suchen, da fragt er noch, ob er denn mit Karte zahlen kann

Kann man bei mir aber nicht, konnte man noch nie, kann er natürlich auch nicht unbedingt wissen, aber ich erkläre es wie immer in dieser Situation etwas schnodderig mit diesem bedauernden Lächeln „Nein, tut mir leid, ich hab kein so’n Kartenlesgerät“. Das mit dem Leid tun ist natürlich gelogen, denn mir wurde die Anschaffung so eines Geräts in den 23 Jahren, die ich das Geschäft nun schon betreibe, natürlich immer mal wieder anhegelegt, aber mir sind einfach die Kosten für so ein Teil zu hoch und wenn ich so ein Gerät hätte, würden die Leute jeden Popel mit der Karte bezahlen, meine ohnehin mickrige Gewinnspanne würde sinken und vereinzelt müsste ich Zahlungen sicher auch abschreiben, weil die Kontodeckung fehlt. Nein, ich sage immer, ich führe ein ehrliches Geschäft, bei mir gibt es Ware gegen (Euro-)Bargeld, das übrigens sowieso das einzige gesetzliche Zahlungsmittel in Deutschland ist, das ich per Gesetz akzeptieren muss. Wen diese Bemerkung jetzt irritiert; das Geld auf dem Bankkonto auch Buchgeld oder Giralgeld genannt ist per Gesetz KEIN gesetzliches Zahlungsmittel und muss darum nicht zur Zahlung von Verbindlichkeiten akzeptiert werden! Aber wir wissen, die meisten „nehmen“ es trotzdem.

Zurück zur Geschichte, er kann also nicht mit Karte zahlen, was ihn tatsächlich unvorbereitet trifft. Er fragt „Kann ich die CDs trotzdem mal da hinlegen“ und ich erwarte, dass er wie Hunderte vor ihm sagt „Ich geh mal schnell zur Sparkasse“ denn die liegt ja nur 50 Meter weg, aber er setzt mit „Kann sein, dass ich Montag nochmal vorbei komme und die hole!“ Das trifft nun mich unvorbereitet und kurz zur Erinnerung, denn ich weiß, auch wenn ich es oben schon geschrieben habe, wird ein guter Teil der Leser es bereits vergessen haben, diese Geschichte trägt sich an einem Freitag zu. Darum bin ich auch etwas irritiert, ob er im Ernst glaubt, ich lasse die beiden CDs jetzt drei Tage auf dem Tresen liegen in der Hoffnung, dass er wirklich am Montag wieder kommt, um sie abzuholen. Und er kann mich doch auch sicher nicht so gut kennen, dass er weiß, dass ich so bequem bin, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich die beiden CDs vorher wegräume, tatsächlich eher gering ist. Ich kriege einigermaßen überrumpelt nur ein leicht ironisches „Vielleicht!“ heraus, bevor er sich verabschiedet und ich die beiden CD-Schachteln oben auf den Stapel der wegzuräumenden Artikel lege, wo sie im Laufe des Tages die Basis für gut ein halbes Dutzend weitere Schachteln werden.

Aber wie gesagt, 23 Jahre in dem Geschäft härten natürlich ab, da nimmt man sowas mit einer gewissen Gelassenheit hin und ich denke sogar, dass eine gewisse Chance besteht, dass er wirklich wieder kommt, denn immerhin hat er die beiden CDs eine gute halbe Stunde zusammengesucht. Bis dahin überlege ich auch noch, ob es Sinn macht, die eine CD zu suchen, die er anfangs aufs dem Rock/Pop-Regal genommen hat, am Ende aber nicht auf die Theke legte, die also wohl irgendwo im Metal oder Independent-Fach gelandet ist

Apropos wiederkommen; regelmäßig wieder kommen tun übrigens neben meinen geliebten Stammkunden vor allem auch die Bittsteller, die bei mir zugegeben oft ein paar Groschen abstauben können.Wobei gewisse Hilfsorganisationen und Leute mit Klemmbrett keine Chance haben, aber für fahrendes Volk und Wandersleute habe ich fast immer ein bisschen Kleingeld übrig. So auch vor ein paar Tagen für die Dame mittleren Alters, die tatsächlich mit dieser fast schon eitlen Gewissheit „Sie wissen sicher noch, wer ich bin!“ hereinkam, und mein seit 23 Geschäftsjahren in peinlichen Nicht-Wiedererkennenssituationen erprobtes „Nichts für ungut, aber ich hab hier doch eine ganze Menge Kundschaft, ich kann mich gerade nicht erinnern!“ fast schon leicht beleidigt aufnahm, weil man im Laden gegenüber, dem neuen Schicki-Mickie-Mallorca-Laden, noch genau wusste, dass sie die Dame vom Zirkus ist. Nun ja, dass ich sie nicht wieder erkannt habe, war in dem Fall ihr Glück, aber das hab ich ihr nicht erzählt. Sie bekam ein bisschen Klimpergeld und zog ihrer Wege. Dass es besser für sie ist, wenn ich ihr Gesicht wieder vergessen habe, bevor sie nächstes Mal aufkreuzt, um die Hand aufzuhalten, kann sie sich ja bei Gelegenheit von dem Kollegen von der Ponyreitbahn erzählen lassen, der dann heute bei mir aufschlug und mit den Worten „Sie kommen mir definitiv zu oft!“ empfangen wurde, worauf er ein überraschtes Gesicht zu machen versuchte, das von mir aber mit „Nichts für ungut, aber Sie waren vor noch nicht allzulanger Zeit schon hier, da schiebe ich dann doch mal einen Riegel vor“

Er setzt eine Unschuldsmine auf und beteuert „Ich war das letzte Mal im Frühjahr da!“ Man könnte jetzt auf die Idee kommen, mit ihm über den Begriff Frühjahr zu diskutieren, das könnte für ihn ja bis zum Juni gehen, aber wenn man wie ich das Geschäft seit 23 Jahren betreibt, sollte man wissen, das führt nur zu einem ergebnislosen Hin und Her „Ist doch gar nicht wahr!“ „Doch ganz sicher!“ „Sie irren sich!“ und so weiter. Und ich weiß das aus einigen langwierigen Diskussionen am Telefon über was weiß ich für tolle Werbeangebote. Nein hier hilft nur klare Kante: „Nee, nee, nee, das waren vielleicht mal 12 Wochen, aber eher weniger, das ist mir zu oft! Heute gibt’s hier mal nichts“ Er zieht eine kleine Schmollschnute und brummelt „Aber so kann man doch nicht sein!“. Doch ich kann und dann erklär‘ ich ihm noch, dass ich das immer so handhabe, bevor er plötzlich wöchentlich vor mir steht, wie das zuvor schon mal bei einem anderen Wandersmann erlebt habe und so zieht er dann doch unverrichteter Dinge ab. Ich bin sehr gespannt, wann der wieder auftaucht.

Und weil ich das Geschäft jetzt 23 Jahre lang mache, kann ich mir natürlich nicht alles merken, aber da hilft mir jetzt dieser Blog; wenn der Typ das nächste mal hier steht, werde ich sagen „Moment bitte!“, in diesem Blog den Ausdruck „Ponyreitbahn“ suchen und ihm genau erklären können, wann er zum letzten Mal hier war: 05.08.2016!

Und all denen, die den Spruch mit den 23 Jahren bald nicht mehr hören können und dabei die Augen verdrehen, sei gesagt, dass ich demnächst vorhabe, sie von diesem Spruch zu verschonen, denn irgendwann demnächst runde ich galant auf vierundzwanzig Jahre auf.

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