30.07.2016

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Es sind Ferien und so ist heute im Laden nur mäßig viel Betrieb. An solchen Tagen fallen nervige Kunden immer gleich etwas mehr und negativer auf. Zum Beispiel die Typen, die breitbeinig mit Sonnenbrille einlaufen.

Es gibt ja immer wieder Kunden, die bemängeln, dass die Musikgarage so schlecht ausgeleuchtet, so duster wäre. Und das stimmt irgendwo ja auch, und genau darum ist es für mich auch nicht nachvollziehbar, warum man hier im Geschäft eine Sonnenbrille auf der Nase nicht als hinderlich empfindet, aber vielleicht haben die sich bei der Fernsehserie Wilsberg einfach in dem Charakter Overbeck das falsche Vorbild ausgeschaut.

Aktuell läuft so ein Mr Cool, der gerade sein Fahrrad und seine Frau vor der Tür geparkt hat, breitbeinig in die Musikgarage ein, erwidert immerhin meinen Gruß, guckt kurz links und rechts und kommt dann zu mir.

„Bevor ich hier lange herumsuche, ich suche CDs von Michael Brecker“

„Tut mir Leid, vorrätig habe ich da keine!“ Wenn er mir spontan sympathischer gewesen wäre, hätte ich hier natürlich angeboten, welche zu bestellen, aber er hat so diese leicht arrogante Art an sich, dieses leicht abschätzige Grinsen, diesen „Entertain me“-Tonfall, bei dem ich einfach den unverbindlichen „Überrasch‘ mich, indem Du tatsächlich was kaufst“-Dienst nach Vorschrift praktiziere. Ja, ich gebe zu, das ist ein pubertärer Reflex, dass ich keine anderen coolen Leute in meinen Laden akzeptieren kann, aber wer mich kennt, weiß, dass in der Musikgarage das Alphatier immer hinter der Theke steht!

Er schaut mich leicht abwartend an, ich schau ihn gelangweilt an und nach ein paar Sekunden gewinne ich das Anschweigen; er fragt „Haben Sie sonst was mit Tenorsaxophon“. „Sicher“ erwidere ich „Aber zugegeben, ich habe mein Angebot nicht nach Instrumenten sortiert und bin auch kein Jazzexperte – und ja ich weiß, das ist doch ein Plattenladen“ – langjährige Leser verstehen diesen Einwurf „Aber das ist doch ein Plattenladen?!“, den ein langjähriger Kunde immer bringt, wenn ich mal was nicht weiß, was natürlich so gut wie nie vorkommt –  „aber da in der Jazzecke….“ ich bin aufgestanden und laufe bereits in die Richtung, er folgt mir „… finden wir sicher auch ein paar Tenorsaxophonisten!“

Am Jazzregal angekommen ziehe ich ein paar John Coltrane-CDs raus und sage „Zum Beispiel natürlich John Coltrane, der spielt Tenorsaxophon“ „Haben sie auch was von Stanley Turrentine?“

„Nein, von dem habe ich nichts!“, antworte ich und denke an die eine CD von Turrentine, die ich, nachdem sie mehr als einem Jahrzehnt im Sonderangebotskasten keinen Abnehmer fand, mal in den Müll geworfen habe, weil ich sie nicht mehr sehen wollte. Jetzt wäre die Chance gewesen, man soll einfach nichts wegwerfen. Außerdem hoffe ich für ihn, dass er jetzt nicht eine Unzahl weiterer Namen nachfragt, denn wenn er nur bestimmte Interpreten sucht, hätte ich nicht extra aufstehen müssen, das hätte ich im „Du langweilst mich“-Modus von meinem Thekenplatz aus beantworten können, zumal ich die Chance, dass er am Ende was kauft, auf knapp unter 10% schätze. Da kommt halt immer der ehemalige Mathematik-Student bei mir raus, ich muss mir oft anhören, dass das eine gewisse Arroganz wäre, Leute so einzuschätzen und dass ich mir damit auch eine Menge Umsätze verbauen würde, weil ich die Leute dann eben auch nicht zuvorkommen behandeln und richtig beraten würde, aber hey, „Ich mache das jetzt 23 Jahre“ – einen schönen Gruß, an den oben erwähnten, langjährigen Kunden, der sich diesen Anfang mit steigender Jahreszahl schon öfter anhören durfte – „und ich bin damit bisher ausreichend gut gefahren, meine Zeit für die Leute aufzusparen, die meine Zeit auch wert sind“

Nachdem ich Mr.Cool auch noch ein paar Wayne Shorter-CDs gezeigt habe, baut er sich selbst vor dem Jazzregal auf, während ich wieder an meinen Arbeitsplatz hinter dem Tresen gehe und einen Blogbeitrag über ein fiktives Meisterwerk  von Manfred Mann lese – es geht hier um die 60er Gruppe, nicht um die Earthband – in dem der Autor aus offiziellen Mann-Veröffentlichungen ein Album zusammengestellt hat, das in einer Reihe mit „Pet Sounds“, „Odessey and Oracle“ oder „Village Green Preservation Society“ stehen könnte, hätte man es mal so veröffentlicht.  Für Interessierte http://biteitdeep.blogspot.de/2014/10/manfred-mann-cubist-town-1968-story-of.html

Derweil salbadert Mr Cool vor dem Jazz Regal „Dexter Gordon, aha“ dann fragt er nach einem Namen, den ich im Leben noch nicht gehört habe und erläutert auf mein „Nein!“ weltmännisch „Ein schwarzer Tenorsaxophonist, der mit Miles Davis gespielt hat, sehr guter Mann, sollten Sie mal anhören“

Spätestens damit beginnt er mich richtig zu nerven, darum erläutere ich im freundlichsten noch möglichen Tonfall „Wissen Sie, es geht heute einfach nicht mehr, sich überall auszukennen. Früher in Läden wie dem Prinz, da hatten die in jeder Abteilung einen Experten stehen, der sich mit seinem Gebiet super auskannte, das finden Sie heute nirgends mehr und ich kann mich auch nicht auf Tenorsaxophonisten spezialisieren, nur weil ich hoffe, nach 23 Jahren im Geschäft kommt einer wie Sie vorbei und da kann ich’s dann brauchen. Und sie sind auch nicht der erste in all den Jahren, der in seinem Spezialgebiet natürlich viel mehr Ahnung hat als ich, das ist einfach normal“

„Was ist denn ihr Spezialgebiet?“ ich liebe diese Frage, weil sie zum einen so irrelevant ist und ich mich an Typen erinnere, die mich dann auf die Antwort „Rock und Indie-Rock“ erstmal mit einem weiteren Dutzend Namen obskurster Bands und der Frage ob ich die kennen würde, bombardiert haben. Die haben sich hinterher sicher super überlegen gefühlt, aber Service gab’s für die hier keinen mehr und einen funktionierende Plattenladen haben die auch nicht.

Mr. Cool nimmt die Antwort eher gleichgültig hin, liest noch ein paar Namen von CDs ab, bevor er dann doch noch das dümmliche „Ich dachte halt, das hier ist so ein Freakladen!“ rauslässt.

Das ist ein Elfmeter, den ich während ich noch den Manfred Mann-Artikel lese mit „Und ich hoffe immer, dass jemand, der zum ersten Mal in 23 Jahren hier reinkommt, also absolut keine Ahnung von dem Laden hat und sich sicher auch nie Gedanken darüber gemacht hat, wie so ein Laden läuft, nicht so’n blödes Zeug redet“ verwandeln kann.

Ich glaube, er braucht erst ein paar Sekunden, das zu verarbeiten, vielleicht auch, weil ich es so beiläufig gesagt habe, denn er schaut noch ein wenig weiter, bevor er sich dann doch gemessen und nicht mehr ganz so breitbeinigem Schrittes mit einem knappen „Na dann, tschüss“ verabschiedet. Ich hör noch, wie er draußen seinem die ganze Zeit brav wartenden Frauchen erklärt „Es gab nichts von Michael Brecker“.

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