An der Supermarktkasse

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Bevor ich den Laden öffne, gehe ich noch schnell in einen Discounter auf dem Weg. Ja, ich bin eigentlich ein Gegner von Discountermärkten, ich war sicher seit 5 Jahren in keinem Aldi-Markt und noch länger in keinem Lidl oder – meines Erachtens am schlimmsten von allen – Norma mehr, aber dieser eine Marken-Discounter liegt halt recht günstig am Weg und gemessen an  der Größe des Marktes arbeiten dort auch wirklich eine Menge Leute; es sind wohl etwa ein Dutzend insgesamt. Ob sie ordentlich bezahlt werden, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber sie wirken nicht wirklich, als ob sie hier geknechtet werden. Zum Vergleich; im Norma in Heppenheim habe ich, als ich ein-, zweimal drin war, immer nur einen einzigen Hansel im ganzen Markt gesehen, der hat die ganze Zeit Regale eingeräumt und immer zur Kasse geschaut, wenn dort jemand seine Ware auf das Band gelegt hat, rief er „Ich komme gleich“ und wenn dann noch jemand an die Kasse kam, ist er auch wirklich gekommen und hat kassiert.

Aber das ist nicht die Geschichte, ich gehe also in diesem Discounter mit meinen paar Süßigkeiten, danach war mir einfach, und einer Flasche Orangensaft zur Kasse. Es sind sogar gerade zwei Kassen geöffnet und vor mir springt eine Dame mittleren Alters gerade von der einen Kasse zur anderen, an der dann drei Leute vor mir stehen würden. Daher gehe ich erst mal zu der Kasse, die sie gerade verlassen hat, dort steht aber eine Hausfrau, die wohl gerade ihren Wocheneinkauf macht; das Band ist rappelvoll, also stelle ich mich hinter der Dame mittleren Alters an. Sie wirkt insgesamt gepflegt, hat eine rosafarbene Kombination aus knielangem Rock und Blazer an und neben ihr liegen zwei Wodka-Flachmänner auf dem Band. Ich lege meine Schokoriegel und die Flasche Orangensaft in einem gebührenden Abstand zu ihren „Waren“ neben mir auf das Band, während sie nochmal nach rechts in das Regal schaut, in dem neben Süßwaren und Feuerzeugen eben auch die ganzen Flachmänner stehen und wie einer spontanen Eingebung folgend greift sie noch einen weiteren 0,1er Wodka und legt in zu den beiden anderen. Hinten kommt inzwischen schon der nächste Kunde an, ich höre den Einkaufswagen heranrollen, aber dann passiert erst mal nichts mehr, er/sie legt seine/ihre Waren noch nicht auf das Band.

Das kenne ich schon, da wartet jemand darauf, dass ich einen Kundentrenner an das Ende meiner Artikel lege. Dummer Weise für ihn oder sie mache ich das eigentlich nie. Kundentrenner sind wohl eine der unnötigsten Erfindungen der Menschheit, kleine Stäbe, die keinen anderen Sinn haben, als die Waren der einzelnen Kunden auf dem Kassenband  zu trennen. Und für die man noch eine zusätzliche Rille neben dem Warenband braucht, wo sie mit ihrer knalligen Werbung auffordernd herumliegen und den anstehenden, der deutschen Sprache und damit des Satzes „Das sind meine Sachen“ mächtigen Kunden nötigen wollen, sie zu benutzen, als ob damit irgend etwas schneller ginge.

Überhaupt schneller gehen, wer einmal z.B. in Italien an einer Supermarktkasse gestanden hat, wird wohl nie wieder in Deutschland über lahme Kassiererinnen schimpfen, dort haben die nämlich noch die Ruhe weg und – was viel interessanter ist – niemand regt sich darüber auf. Wenn in dem Discounter, in dem ich gerade stehe, mal fünf Leute an der Kasse stehen, kann man sicher sein, dass der erste Penner, der nur ein Bier und einen Korn kaufen will und wieder zu dem Pennertreff an der Bahnunterführung will, schon ruft „Können sie mal eine zweite Kasse aufmachen!“. Ich bin dann immer versucht, in ironischsten Tonfall beipflichtend zu rufen „Machen sie schnell, der Mann kollabiert, wenn sein Alkoholpegel unter 0,7 Promille sinkt, haben Sie denn nie den Film Crank gesehen, beeilen Sie sich! Außerdem muss er bestimmt schnell zur Arbeit!“, aber dummer Wiese kennen mich zu viele Leute, darum halte ich mich bisher immer zurück. Den Film Crank habe ich übrigens selbst auch nie angeschaut, ein Blick auf die kurze Inhaltsangabe – Mann wird vergiftet, Stress hilft aber das Gift vorubergehend zu neutralisieren, darum begibt er sich permanent in Stressituationen und jagt Gangster usw usf – genügt, um ihn als völligen dümmlichen Mist mit hohem Actionanteil abzutun.

In Italien braucht man keine Kundentrenner, dort reicht es, wenn man eine Lücke lässt, die Leute sind dort ihrer Landessprache mächtig, falls doch mal eine Kassiererin trotz der Lücke die Waren des nächsten Kunden weiter kassieren will. In Deutschland ist man auf Effizienz getrimmt, da muss alles schnell gehen, und da gibt es eine Ordnung, die das sicherstellt, die lautet Ware, Kundentrenner, Ware, Kundentrenner, Ware, Kundentrenner und das endlos so weiter, genau so wie das Band das vorne an der Kasse verschwindet, am Ende des Warengangs wieder rauskommt und endlos läuft, bis der Laden zu macht. Aber wie schon erwähnt, die Verwendung von Kundentrenner zu verweigern, ist eine meiner kleinen Macken, mit der ich mir einbilde, ein kleines Rädchen in diesem Uhrwerk, das uns ständig hetzt, zu blockieren.

Das ist natürlich Unsinn, denn ich selbst stehe ja auf dem Standpunkt, dass es ohne Kundentrenner genauso schnell wie mit geht und so bin ich eben kein Hemmnis für das Hamsterrad Supermarktkasse, richtiger ist es wohl, dass ich vor allem all den anal fixierten Pedanten, die hinter mir an einer Kasse zu stehen kommen, eine innerliche Unruhe bereite, während sie scheinbar ewige 20 Sekunden (das ist die Durchschnittszeit, die sie durchhalten) darauf warten, dass ich doch endlich einen Kundentrenner auf das Band lege, damit sie ihre Waren ordentlich in eine „Waren, Kundentrenner, Waren“-Reihe legen können. Ich gebe zu, mir bereitet es ein bisschen eine diabolische Freude aus dem Augenwinkel zu beobachten, wie sie hinter mir zögern, wie sie langsam nervös werdend innerlich ihre Fingernägel in eine nicht vorhanden Tischkante krallen, weil der Typ vor Ihnen einfach keinen Kundentrenner hinlegt, damit sie ordnungsgemäß fortfahren können. Einige legen nach dieser Wartezeit ihre Waren erstmal in einem merklichen Abstand hin, was für zusätzlichen Spaß sorgt, wenn sie mit einer Flasche als Kundentrennerersatz beginnen. Diese rollt dann den Gesetzen der Trägheit folgend bei jeder Bewegung des Bandes zuerst nach hinten sofern möglich und beim Abbremsen des Bandes dann noch vorne zu meinen Artikeln. Das erhöht natürlich die Hektik des ordnungsversessenen Hintermannes noch zusätzlich, denn so sehr er sich innerlich über mich und meine Weigerung einen Kundentrenner zu benutzen ärgern mag, ist es ihm als ordentlichem Menschen noch unangenehmer, dass es seine Flasche ist, die nicht dort liegt, wo sie hingehört, was sie selbstverständlich täte, wenn sie hinter einem Kundentrenner liegen würde, aber den habe ich ja nicht hingelegt, womit ich dann doch wieder der Buhmann bin.

Auf die Idee, die Flasche um 90° zu drehen, wodurch sie parallel zum Bandlauf liegend höchstens noch ein wenig nach rechts oder links rollen könnte, kommt in dieser Situation nach meiner Erfahrung fast niemand, was ich zum einen auf die Mischung aus Hektik und Verärgerung zurückführe, in der sich der/die Betreffende gerade befindet, zum anderen liegt das aber sicher auch an einer guten Portion Unselbstständigkeit, die Leute innert ist, wenn sie an einer Supermarktkasse auf Ordnungssymbole wie einen Kundentrenner fixiert sind.

Wenn dann endlich das ersehnte Objekt der Begierde – der Kundentrenner – in greifbare Nähe kommt, knallen sie diesen dann deutlich hörbar direkt hinter meine Sachen, worauf sie die bis dahin existierende Lücke zwischen unseren Waren noch mit ihren restlichen Einkäufen auffüllen oder ihre bereits auf dem Band befindlichen so weit zum Kundentrenner nach vorne schieben, dass der am Ende press zwischen den ganzen Einkäufen liegt.

Bisher konnte ich in diesem Fall dem Impuls widerstehen, mich umzudrehen,  „Upps, geht es denn schneller so?“ zu fragen und nach einer kurzen Kunstpause, während der die Kinnlade des/der Gegenüber(s) herunterklappen kann, in den fassungslos geöffneten Mund mit „Ich glaub, ich muss es Ihnen mal verraten, das ist hier wie im Stadtverkehr, Sie können noch so dicht auffahren, Sie können mich einfach nicht überholen, nicht rechts und nicht links denn hier gibt’s einfach keine zweite Spur! Und darum geht es auch mit dicht Auffahren nicht schneller, denn sie kommen so oder so erst NACH mir dran. Das ist bitter und ich weiß, wie das frustriert, wenn man es nach all der anstrengenden Hektik des möglichst dicht Auffahrens merkt!  Aber wissen sie, was mir hilft?“ Hier würde ich wieder eine Kunstpause einlegen und den immer noch fassungslos geöffneten Mund betrachten „Ich verrats Ihnen, einfach Abstand halten! Sowohl im Stadtverkehr, wie auch an der Supermarktkasse! Das entspannt und glauben Sie mir, es geht am Ende sogar genauso schnell!“ Ja, aber wie gesagt, mich kennen viele Leute, ich habe ein Geschäft und ich hätte gerne, dass das weiterhin läuft, darum halte ich mich zurück.

Seltener gibt es übrigens sogar Leute, die schaffen es in dieser Situation dann überhaupt nicht, ihre Einkäufe auf das Band zu legen, so lange Ihnen ihre Art Startsignal „Der Kunde vorne dran hat seinen Vorgang ordnungsgemäß mit dem Kundentrenner abgeschlossen, jetzt bin ich dran“ verwehrt bleibt. So jemand hatte ich noch nie hinter, aber lustiger Weise schon mal vor mir; die Frau hatte einen gut gefüllten Einkaufswagen und der Kunde vor ihr legte keinen Kundentrenner hin, sie konnte auch keinen erreichen und so rollte das Warenband Dezimeter für Dezimeter weiter, ohne dass sie etwas drauflegte, bis es mir zu bunt wurde und ich hinter ihr meine drei Artikel am Ende des Bandes platzierte. Da drehte sie sich herum und schaute mich mit einer Mischung aus Überraschung und Entrüstung an, ich schaute zurück und fragte in fast schon süßlich höflichem Tonfall „Gibt es denn ein Problem,  weswegen Sie Ihre Einkäufe nicht auf das Band legen?“. Statt einer Antwort begann sie dann hektisch den Inhalt ihres Einkaufswagens auf großen Lücke, die auf dem Band geblieben war, zu verteilen, um am Ende mit einem Kundentrenner ihre Waren von meinen zu separieren.

Und während ich in diesen Erinnerungen schwelge, blicke ich ungerührt nach vorne auf die drei Flachmänner, die gerade gescannt werden. Ich überlege, ob die Frau vor mir so etwas wie Schamgefühl empfindet, denn wer mit nur drei Flachmännern an der Kasse eines Discounters steht, der noch dazu bekannt als Einkaufsparadies für Penner ist, muss wissen was die Leute denken. Ich denke darüber nach, wie hart diese Welt für machen Menschen und speziell für diese insgesamt gepflegt wirkende Dame wohl sein mag, dass sie sich schon vor 10.00 Uhr morgens erstmal um die Tagesration(?) Alkohol und um nichts anderes kümmert. Vielleicht wurde sie von ihrem Mann verlassen, vielleicht hat sie ihren Job verloren und findet in ihrem Alter keinen Neuen mehr. Während ich noch diesen Gedanken nachhänge, werde ich abkassiert, und die Dame ist schon aus dem Laden. Ich zahle, entsorge die unnötigen Plastikverpackungen – faszinierender Weise ist ausgerechnet dieser Discounter der einzige Laden, den ich kenne, der am Ausgang Behälter für Verpackungsmüll stehen hat – gehe nach draußen und bin in Gedanken schon bei dem sich schnell nähernden Arbeitstag, da sehe ich wie die rosa Dame auf dem Parkplatz gerade in einen Mercedes 5000 SL einsteigt. Irgendwo steigt in meinem Kopf die Frage auf, was sie in der Zwischenzeit gemacht hat, denn eigentlich könnte sie schon lange weg sein, ob sie denn gleich einmal eine der Flaschen abgeext hat, aber ganz nach vorne drängt sich der Gedanke, dass Geld wohl wirklich nicht glücklich macht.

Dermaßen getröstet gehe ich am Pennertreff an der Bahnunterführung vorbei meiner brotlosen Verkaufskunst entgegen.

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