Blues für einen Bluesfan (27.04.2012)

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Da stehst Du wieder vor mir am Tresen, vom Alter leicht gebeugt, aber immer fröhlich, schmeißt mir cool einen Zettel hin, darauf ein paar Namen von Bluesmusikern gekritzelt und sagst „Du mal machen Looky Looky“ oder „Du mal gucken, ob Du kannst besorgen“. Natürlich kannst Du richtig Deutsch, aber Du findest das lustig und es hat sich über die Jahre so zwischen uns eingebürgert. Während ich die Sachen suche, erzählst Du ein wenig vor Dich hin, fragst mich etwas und betonst dann gleich, dass ich das jetzt nicht suchen muss, weil Du nur dachtest, ich wüsste es vielleicht aus dem Kopf. Natürlich such ich die Antwort trotzdem raus und die Worte sprudeln weiter aus Dir raus zusammen mit dem unvermeidlichen Pfefferminzduft. Manchmal gerätst Du total ins Stottern, weil Du zu schnell denkst, mit dem Reden nicht hinterherkommst und dann den Faden verlierst. Dann wiederholst Du zwei, drei Worte ein paar Mal, bis Du wieder im Text drin bist und erzählst von Jimi Hendrix, von Led Zeppelin,  von Leslie West und all den anderen,die Du im Laufe der Jahre live gesehen hast. Und Du erzählst von der Zeit, als Du noch nicht arbeitslos warst, von der Firma Euler, von den Kollegen von damals, mit denen Du noch ab und zu auf Konzerte gehst. Wenn deren Frauen nichts dagegen haben und Dein Geldbeutel es zulässt. Aber obwohl Dir klar ist, dass Du in Deinem Alter keine Arbeit mehr finden wirst, klingst Du nie verbittert. Und obwohl Du Dich, selbst Ende 50 und arbeitslos, noch um Deine alte Mutter kümmern musst, höre ich in all den Jahren fast nie ein Wort der Klage über das System. All die Jahre, in denen du nun Kunde hier bist

Ja, Du warst schon Kunde, als wir unser erstes Geschäft in der Nachbarstadt aufgemacht haben, auch davon erzählst Du oft, wir waren die Buben, die da ’nen Plattenladen in der Nachbarstadt aufgemacht haben, als Du auch noch Schallplatten gekauft hast. Und wir waren die Kerle, die dann hier einen CD-Laden aufgemacht haben, als Du auch angefangen hast, CDs zu kaufen. Und irgendwann waren wir die zwei Kollegen, bei denen Du fast alle Deine CDs, die Du Dir von Deinem Arbeitslosengeld leisten konntest gekauft hast, der eine, bei dem es immer Tee gab und später dann der andere, mit dem man sich über fast alle Musiker, die Du so gerne gehörst hast, unterhalten konnte.

Da stehst Du wieder, und wenn ein anderer Kunde oder eine Kundin reinkommt, während Du noch am Erzählen bist, dann trittst Du zurück und sagst zu mir „Do, lass emol den junge Mann“ (oder „die jung Fraa“) „doher, damit Du ach was verdiene kannscht“ und wartest, bis der Kunde fertig ist, dann trittst Du wieder an den Tresen, guckst, was ich da mache und erzählst da weiter, wo Du Dich selbst unterbrochen hast. Du respektierst immer, dass ich nebenher was anderes machen muss, weil „Es ist klar, Du muscht Dei Ärbed schaffe, sunscht hockscht Du heid obend noch do.“ Und dann erzählst Du noch davon, dass Du immer die Blues News kaufst und dass Du, wenn da was Interessantes drin steht, Du das dann bei mir bestellst. Und wenn Du dann irgendwann merkst, es ist Zeit zu gehen, dann richtest Du Dich völlig unvermittelt auf und rufst „Alla, mach’s gut, ich kumm demnägscht wieder vorbei“. Manchmal fragst Du noch, ob Du was zum Briefkasten mitnehmen sollst, aber meistens beendest Du noch einen Satz und bist im nächsten Moment schon fast zur Tür raus, obwohl ich irgendwie das Gefühl habe, dass Deine Erzählung noch gar nicht fertig war.

So geht das nun wohl schon viele lange Jahre, dass Du spätestens alle zwei Wochen reinkommst, mal um zwei, drei CDs zu bestellen, dann um sie abzuholen und dann wieder um welche zu bestellen und irgendwie denke ich immer, das geht so, bis ich eines Tages den Laden zu mache. Um ganz ehrlich zu sein, ich denke da gar nicht mehr drüber nach, es gehört einfach zum Leben dazu, Dir ab und zu in der Stadt auf dem Fahrrad zu begegnen, wo Du mir dann hinterherrufst. „Ah zu Dir kumm ich nochher ach noch!“ oder einfach zu sehen, wie Du gegenüber vor dem schon seit Monaten leerstehenden Restaurant Dein Rad abstellst, und dann in betont lockerem, breitbeinigem Gang auf meine Tür zusteuerst. Aber als Du das letzte Mal hier warst, das kann noch keine drei Wochen her sein, denn ich habe Dich noch gar nicht vermisst, warst das wirklich das letzte Mal, denn Du bist wie so oft völlig unvermittelt gegangen. Und es wird mir wieder bewußt, wie schnell das gehen kann. Und ich bedauere all die Male, die ich gedacht habe „Hey Walter, komm doch mal zu einem Ende!“

(Im Gedenken an Walter Fritz)

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