30.05.2016

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Heute mal wieder ein Klassiker:

Eigentlich hätte sie meine Lieblingskundin werden können, schätzungsweise Anfang Mitte 20, gut aussehend und nicht erst sinnlos rumgeschaut, sondern gleich intelligent auf die Theke zugesteuert und mich gefragt. So dachte ich. Leider startet sie mit einem wohl gewinnenden gemeinten Lächeln und dem lässigen: „Ah, Du hast umgebaut!“. Aber sie merkt schon an meinem zwischen irritierten und „Ach wirklich?“-fragenden Blick über den Brillenrand, dass der Spruch nicht so ganz der Hit war und meint „Ist wohl schon ’ne Weile her“, worauf ich nur antworte „Ja, das ist wohl eine Weile her!“ Da sie dann auch noch nach einer CD fragt, die man im Internet wohl schwer bis gar nicht kriegt, und die ich natürlich auch nicht vorrätig habe, wird’s wohl nichts mit Lieblingskundin, es ist wahrscheinlicher, das sie erst wieder in fünf bis sechs Jahren hier reinkommt – so lange ist der letzte Umbau etwa her – und ich mich wieder nicht an sie erinnere, aber wenn sie Glück hat, denke ich auch dann noch, dass sie hübsch ist.

Das mit dem „Oh, ihr habt umgebaut“ hab ich natürlich schon öfter erlebt, die erinnernswerteste Varianten bot mal ein Trottel vor etwa 1o Jahren; hier hat ja jeder die Chance richtig guten Service geboten zu bekommen, aber der Typ kam mit so einem dummdreist wie breiten, seiner Ansicht nach wohl gewinnenden Grinsen in den Laden und meinte dabei lässig; „Oh habt ihr umgebaut?“, dass die Chance auf guten Service für ihn schon fast auf Null sank. Mein Grinsen drauf war ungleich breiter und irgendwo sicher auch süffisanter, aber ich beherrschte damals schon auch das einfach „Ja“ auf diese Frage, obwohl der letzte Umbau seinerzeit 4 Monate her war, was den so kumpelhaft Daherkommenden entlarvte. Denn nach Erfahrungswerten aus mittlerweile etwa sieben Umbauaktionen wusste ich, dass ab etwa 6 Wochen mit vernachlässigbar wenigen Ausnahmen nur noch Dummschwätzer und Schmarotzer mit diesem Spruch einmarschieren. Eben Leute, die meinen superintelligent und sympathisch zu sein und mit dieser gutgelaunten und wohlwollenden Frage gleich zum Kreis der quasi Stammkunden zu zählen, um dann ewig CDs anzuhören oder irgendwelche Infos abzugreifen. Eben zu denen, die gemerkt haben, es hat sich was verändert. Es gab auch damals schon Leute, die kamen nach 4 Jahren noch mit dem Spruch „Das letzte Mal war die Theke noch da hinten“ (wir hatten inzwischen 2x umgebaut), von diesen ganz tumben nicht zu reden, die erst grußlos an der zwischenzeitlich nach vorne verlagerten Theke (inklusive mir) vorbei rannten und dann im hinteren Teil des Ladens verzweifelt nach ihr suchten. Solche Leute haben und hatten es natürlich schwer, bei mir eine brauchbare Auskunft über irgendwas zu kriegen, weil der Umsatz dieser Leute einfach zu stark an der Nullinie klebt. Verdammt, ich mach’s einfach auch für Geld, ja, ich muss es einfach für Geld tun, mir schenkt auch nur selten jemand was!  Wenn ich gerade an die Reparaturkosten für das Auto denken muss, die demnächst wieder anstehen. Es hat mich mal ein Kunde (ungelogen) ein wandelndes Musiklexikon genannt, aber bei dem Spruch „Oh, umgebaut?!“ mehr als 10 Wochen nach Umbau setzt bei mir einfach eine Art Amnesie ein.

Zurück zu dem Trottel von damals, ich grinse also und sage „Ja!“, worauf er meint „Ja, mal ein bisschen Abwechslung, gell!“. Er fühlt sich bestimmt vollkommen als Herr der Lage, der mich gerade mit seinem Charme geradezu überrollt. Mein „Jo, wir machen das alle Woche!“ hört er wohl nicht, zumal ich es noch nicht auf die vollkommene Konfrontation anlege. Nun, ich mache ein paar Bestellungen und er guckt im Laden rum und steht dann plötzlich vor mir und dem CD-Player mit 2 CD-Schachteln in der Hand und meint mit Fingerzeig auf den CD-Player „Da kann ich einfach mal reinhören, gell?!“, meine Antwort „Wenn Du ’ne CD da drin hast“ nimmt er wohl auch nicht richtig wahr, er öffnet erst die CD-Lade des Players und dann die CD-Schachtel und kriegt große Augen, dreht sich mit seinem charmanten Grinsen zu mir um; „Ach, da ist ja gar keine CD drin“. Dass er mit Hawkwinds „Hall of the Mountain Grill“ und ner „Best of“ der Grateful Dead in fast allen anderen Situationen meine Sympathie wegen guten Geschmacks gewonnen hätte, rettet ihn jetzt schon nicht mehr, zu sehr riecht er nach schleimigem Schmarotzer, der wohl in 10 Jahren 5 mal da war. Er setzt aber noch einen drauf, denn als ich ihm die Hawkwind-CD in die Hand gebe, meint er spontan „Das ist die falsche!“. Nun, er lässt sich letztlich doch vom Aufdruck auf der CD überzeugen (Das Logo auf der CD sieht halt wirklich bei allen remastered CDs von Hawkwind wie die Doremi-Fasol-Latido aus, den Titel hat er auch sofort im Kopf), dass dem nicht so ist, ich könnte ihm aber jetzt schon sagen, dass er die Anhörzeit besser knapp hält, denn mit jeder Minute, die er vor mir steht wird mein Verbalausbruch krasser werden, wenn er am Ende keine dieser beiden günstigen (8 bzw 10 Euro) und vor allem guten CDs mitnimmt.

Nun, er steht bereits so 10 Minuten und hat es immerhin zu Titel 5 oder 6 bei der Hawkwind-CD geschafft, als 2 weitere Kunden den Laden betreten. Sie sehen beide nicht nach übermäßiger Intelligenz aus, das stimmt schon, aber sie schaffen es tatsächlich mich zu fragen (und das spricht schon für eine gewisse Intelligenz im Gegensatz zu all den Blödmännern, die täglich einlaufen und minutenlang umsonst rumsuchen, weil sie zu blöd sind zu fragen), ob ich den die neue von Sido hätte. Ja, hab ich, ich hab auch die alte, sie diskutieren und ich finde mich auch schon damit ab, dass sie dann wieder abziehen, zumal der eine dann auch schon zur Tür raus geht, da kommt der aber wieder rein und legt Geld auf den Tisch und kauft die neue. Na, denk ich, gut, dass ich mich meistens so zusammenhalte, manchmal schaffen sie es einfach mich zu überraschen. Ja und das schafft auch Schnulli am CD-Player! Denn der hat seinen Kofhörer abgesetzt, schaut mich an und meint sinngemäß; „Sido, das ist doch so Musik, die die Jugend gefährdet, oder?“ Ich schau ihn wohl etwas verwirrt an, darum setzt er fort „Ich mein so gewaltverherrlichend oder?“ Jetzt finde ich wieder Worte und erkläre ihm, dass ich die Musik von Sido definitiv nicht gut finde und auch glaube, dass sie frauenfeindlich ist, aber dass es überraschenderweise sehr viele Frauen sind, die seine Platten kaufen, und dass ich mir bestimmt nicht die Mühe mache, jetzt alle Texthefte deutscher Rapper durchzulesen, denn schließlich müsste ich mit den Metallern weitermachen und so drogenverherrlichende Musik wie Hawkwind oder die Grateful Dead würde in dem Zug auch gleich rausfliegen, da brauche ich mir nur die Bandbiografien durchzulesen. Na ja, Texthefte durchlesen tut er auch nicht, aber er kommt gerade vom Zahnarzt nebenan und dort hat er im Stern (oder war’s doch der Spiegel oder sogar „Bild der Frau“?) über Sido gelesen und dass der darüber singt, Jugendliche zu vergewaltigen und Frauen in den Arsch zu ficken und so. Ja und er findet so was echt nicht gut, dass wir so was verkaufen.

Wow, sag ich Euch, da konnte ich ja das Grinsen absolut nicht mehr unterdrücken, weil so viel moralische Aufrichtigkeit rührt mich immer ganz tief. Ich will gar nicht leugnen, dass der Schnulli natürlich ein Stück weit recht hatte, aber die Selbstgerechtigkeit, mit der er da die moralische Keule schwang, brachte mich ja dann erst richtig in Fahrt. Zu seinem Glück klingelte erst mal das Telefon, weshalb ich nur sagte „Ich nehme gleich dazu Stellung“, zumal auch noch ein weiterer Kunde in den Laden gekommen war. Der wollte auch nur was abholen, weshalb mein Vortrag für Schnulli letztlich doch exklusiv für ihn war. Denn ich erklärte ihm zunächst einmal, dass der Umbau bereits 4 Monate zurücklag, weshalb ich auch auf seine Begrüßung so grinsen musste und dass er damit im bestenfalls ein Laufkunde sei, was ich nicht gering schätzen wollte, weil ich natürlich auch Laufkundschaft mag, aber dass es wohl eine ziemlich Frechheit sei, mir einen Vortrag über Moral des Geldverdienens halten zu wollen, wo er selbst erst vor etwa 5 Minuten wohl von der Existenz eines Sido erfahren hätte.

Danach verdeutlichte ich ihm, dass ich Kunden hätte, die würden jede Woche kommen, ich nenne sie die üblichen Verdächtigen, ja wenn die mir so einen Vortrag halten würden, dann würde ich ja wenigstens drüber nachdenken, aber wenn so einer wie er kommt, finde ich das ja wohl nur eine Frechheit. Und ich erkläre ihm, dass die Fehlentwicklung in der Gesellschaft schon wesentlich früher stattgefunden hat, denn nur durch diese Fehlentwicklung konnte es zu solchen CDs kommen und vor allem dazu, dass die in den Charts ganz oben zu finden sind. An der Stelle findet er kurz wieder ins Gespräch zurück, nachdem er jetzt von meinem ganzen „Charme“ nieder gewälzt wurde und blubbert was von „Macht des Wortes“ und irgendwelchen Kauderwelsch, den ich dann schon gar nicht mehr richtig zur Kenntnis nehme, so bin ich in Fahrt. Ich erkläre ihm, dass ich in meiner Jugend eine Menge Mist angehört habe (Ein damaliger Bekannter sammelte LPs mit Führerreden und wir haben uns beömmelt beim Anhören. Wie man so einen komisch sprechenden Kasper wie den Adolf ernst nehmen konnte, wollte uns nicht in den Sinn, aber haben diesen Kasper stundenlang nachgeäfft, von uns ist keiner als gewalttätig oder gar rechtsradikal aufgefallen). Es fällt ihm eigentlich nichts mehr ein, als ich ihm noch abschließend frage mit welchem Recht er sich eigentlich da hinstelle und mir ne Moralpredigt halte. Dabei erwähne ich noch nicht mal, dass die beiden Sido-Käufer gerade 17 Euro zu meinem Lebensunterhalt beigesteuert haben und dass ich eigentlich vermute, dass er noch nicht mal die 8 für die Hawkwind ausgeben wird. Er setzt den Kopfhörer nochmal auf, ich wende mich einem neu hinzugekommenen Kunden zu, der schon ein wenig irritiert guckt und Sekunden später verabschiedet sich Schnulli mit einem jovialen „Mach’s mal gut“, was mich zu einem entspannten „Jo, Du mich auch!“ inspiriert.

Ja, ich gebe zu ich bin eigentlich ein nihilistisches Arschloch, denn im Grunde genommen, gebe ich dem Schnulli ja sogar recht. Es war alleine sein schleimiges Auftreten, dass mich gegen ihn einstimmte und weshalb ich ihm dann die volle Breitseite verpasste. Das ist wirklich einer meiner übelsten Wesenszüge, dass ich Dinge, hinter denen ich im Extremfall kein bisschen stehe, ziemlich gut vertreten kann, wenn mir nur der „Streitpartner“ ausreichend unsympathisch ist. Ich hätte vielleicht doch Anwalt oder Politiker werden sollen, einfach irgendeine Art von Lobbyist ohne Gewissen. Diese Eigenschaft geht übrigens so weit, dass ich sogar eigene Überzeugungen in Zweifel ziehe, wenn irgendwelche hirnlosen Schleimbeutel mir ständig recht geben. Da geht es dann nur drum, diese Typen, die ja nur um Deiner Sympathie willen Deiner Meinung sein wollen und eigentlich von nix eine Ahnung haben, ein wenig an der langen Nase herumzuführen, indem ich mir ihre ständigen Bestätigungen der Widersprüche, die ich selbst aufbaue, anhöre. Geiles Vergnügen, aber bisweilen auch recht langweilig, weil zu einfach. Irgendwie wünsche ich mir doch gleich für morgen wieder so einen Schnulli, der einläuft mit dem Spruch „Oh, umgebaut?“, den nehme ich mir dann wieder zur Brust, wenn er mir irgendwo die Chance dazu gibt.

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